SOHN: Rennen

(4AD/ Beggars/ Indigo) Schwere Ausgangslage: Sohn aka Christopher Taylor hat vor drei Jahren ein weithin bestauntes und entsprechend gefeiertes Album abgeliefert, klasse Kritiken und der entsprechende Erfolg fehlten auch nicht. Jetzt also der Nachfolger und man merkt, dass Sohn etwas Besonderes bieten will, keinen Aufguss und kein halbherziges Update von „Tremors“. Der Schlüsselbegriff zum neuen künstlerischen Glück heißt Reduktion, eine ernst genommene Entschlackungskur, nach der nur noch das Wesentliche übrig bleibt.

Zunächst aber legt Taylor falsche Fährten. Der Beginn „Hard Liqor“ irritiert nur auf textlicher Ebene, das Abfeiern der alkoholsüchtigen Freundin kann nur als latent zynisch bezeichnet werden, der Sound dagegen ist uneingeschränkt positiv, stellenweise gar euphorisch, eine unkomplizierte Hymne. Auch „Conrad“ gefällt sich als edle, vollmundige Popnummer mit einer bärenstarken Hookline. Der künstlerische Mehrwert dabei ist jedoch überschaubar und nach einer Weile stellt sich bei diesem Track sogar Langeweile ein.

Doch seine richtige Bestimmung findet „Rennen“ beim folgenden „Signal“: ganz sparsam eingesetzte Melodietupfer, ein behutsam klackender Rhythmus, dazu der körperlose Gesang, ganz wenige Elemente reichen, um ein Maximum an Spannung und Stimmung zu erzeugen. Auch „Primary“ ist so ein ausgedünntes Stück. Das müde Herz schlägt nur noch gelgentlich, der Song wirkt bereits zu Beginn wie ausgeblutet, doch dann pulsiert ein unscheinbarer Rhythmus los, der neues Leben in die verlassenen Räume bringt. Das konzentrierte Ausarbeiten eines begrenzten Arsenals wirkt dabei unheimlich versiert und durchdacht, kein Soundschnipsel ist überflüssig, alles klingt ausbalanciert. Auch das Titelstück hält sich merklich zurück. Diese Klavierballade erinnert an die Miniaturen von Antony Hegarty, fragil aber beseelt.

Zum Ende hin werden die Zutaten immer bedächtiger gewählt und sparsamer eingesetzt. „Falling“ ist ein Dialog zwischen Drumcomputer und Gesang, beide stehen isoliert da, scheinen aber unterbewusst miteinander zu kommunizieren. „Proof“ gefällt sich als zurückgelehnter 90s-R´n´B-Schleicher, jedoch ohne jegliche Coolnesspose. Im Gegenteil, der Song mutet an wie ein erotischer Alpdruck mit kaltem Schweiß auf der Stirn. Auf die Spitze triebt Taylor es mit der Reduktion in den abschließende Stücken „Still Waters“ und „Harbour“. Erstgenannter Track wird durch ein entferntes Fanfarenecho eingeleitet, das die Einsamkeit in Taylors Stimme vorwegnimmt. Sohns Gesang strahlt aber eine Wärme aus, die den leeren Raum unscheinbar erleuchtet. Hier liegt in der Sanftheit eines melancholischen Eigenbrödlers eine unwahrscheinliche aber dennoch große Kraft.

„Harbour“ geht diesen Weg dann konsequent zu Ende, es wird immer ruhiger, spirituell gar, und man steht am Albumende zwar einsam und verlassen da, doch mit dem Trost ausgestattet, etwas Wahrhaftiges miterlebt zu haben, dessen Strahlkraft weit reicht. Sohn hat sich selbst aus der Schusslinie einer übergroßen Erwartungshaltung herausgezogen, indem er, statt immer mehr in seine Kompositionen reinzupacken, den Rückzug angetreten hat. Auf das Wesentliche reduziert, strahlt seine Kunstfertigkeit umso mehr.

(7,5 / 10)

Info: www.facebook.com/sohn