Charlie Cunningham: Lines

( Dumont Dumont/ Rough Trade) In Zeiten, da sich Großbritannien politisch und wirtschaftlich von Europa entfernt, tut es gut, auch ein gegenteiliges Beispiel nennen zu können. Charlie Cunningham ist Brite und sucht den musikalischen Brückenschlag mit dem Festland, genauer, mit Spanien. Zwei Jahre lebte er in Sevilla und spürte dort dem ursprünglichen Flamenco nach. Sein Album „Lines“ vermengt nun dessen Dynamik mit der typisch englischen Zurückhaltung. Sein Album ist sanft und mild, besitzt aber den rhythmischen Schwung des Flamenco.

Ganz in sich gekehrt gibt sich der Beginn von „Lines“. „An Opening“ und „I Can Be“ zärteln, ein bescheidenes Wehklagen greift um sich, der Künstler sitzt mit seiner Akustikgitarre im Dunkeln, nur einen Lichtspot auf ihn gerichtet, „eyes to the floor/ silent and barely seen“. Das spanische Moment kommt dann erstmals in „Born“ zum tragen, der Rhythmus wird akkurat und dynamisch von der Gitarre, die von hier an auch immer wieder perkussiv eingesetzt wird, vorgegeben. Trotz der gegebenen Bedrückung besitzen die Stücke ein energetisches Grundgerüst, man wird so manches mal von der Beweglichkeit der Songs überrascht, so auch in „Lights Off“, welches an José González erinnert. Hier findet man auch einen Refrain, der das Kunststück fertig bringt, gleichzeitig traurig und hoffnungsvoll zu sein. Auf dieses Stück folgt „Minimum“, welches die Lust am lockeren Herumstreunen zu einer Kunst erhebt. So lässig, wie hier der Rhythmus ausgeworfen wird, bekommt man sogar Lust aufs Tanzen. Dennoch : der Gesang bleibt britisch bescheiden und zurückgenommen. Dies ergibt immer wieder eine feine Mischung aus rhythmischem Elan und gesanglichem Understatement.

Ein weiterer Pluspunkt ist sicherlich, dass Cunningham die musikalischen Mittel sehr reduziert einsetzt. Ab und an ein paar Keyboardflächen, sorgsam eingesetzte, traurige Bläser und einmal auch ein Klavier, das wars schon. Trotz minimaler Ausstattung gelingen Songs wie das berückende „Answers“, welches trotz Reduktion majestätisch daherkommt. Dadurch, dass kein üppiges Instrumentarium den Blick auf den Kern der Kompositionen verstellt, merkt man immer wieder, wie viel Wahrhaftigkeit und Seele in den Stücken steckt. Man hört einfach zu, wie hier jemand sein Lied singt, im Englischen sagt man „heartfelt“ dazu.

Da verschmerzt man auch, dass Cunningham zum Schluss die tragfähigen Ideen für schöne Melodien ausgehen und es ein wenig beliebig wird. Die Bläser in „You Sigh“ und der beschwingte Rhythmus wirken dann eher wie Klischees für Postkarten von spanischen Urlaubsorten, dass hat der Brite vorher gelungener gelöst. Die musik-kulturelle Verschmelzung von Spanien und England ist Cunningham dennoch in weiten Teilen eindrucksvoll gelungen, weil seine Stücke ein emotionales Eigenleben besitzen, dass den Hörer immer wieder zu überraschen und zu berühren vermag. „Lines“ leistet nicht nur die Annäherung zweier musikalischer Welten, es besitzt darüber hinaus eine Gefühlstiefe, die an fast allen Stellen eindrucksvoll zum Vorschein kommt.

 

(7 / 10)

 

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