EINAR STRAY ORCHESTRA: Dear Bigotry

(Sinnbus/Rough Trade) Das Warten auf den erlösenden Ausbruch….Katharsis ist etwas, das viele Bands in ihrer Musik anstreben, gerne dargereicht als reinigendes Soundgewitter. Andere suchen die große Emphase, wollen das Publikum in hymnischen Ergüssen mit sich reißen. Leider hat das manchmal recht platte Züge, einmal kräftig „ohohoh“ im Chor angestimmt und die Hörerschaft zuckt verzückt. So leicht macht es sich das Einar Stray Orchestra aus Norwegen zum Glück nicht. Die fünfköpfige Band spielt mit dem Bombast, mit der Erlösung, mit dem Ausbruch. Vor allem, wie sie mit der Dynamik ihrer Songs umgeht ist beachtenswert.

So besitzt der Titelsong bereits in der Strophe eine unruhige Energie, man würde typischerweise eine Steigerung mit anschließender Entladung im Refrain erwarten, doch dieser Refrain verlagert nur das Gewicht auf den anderen Fuß, so dass hohle Bombastergüsse ausbleiben. Wenn das Schlagzeug dann doch losbollert, verhallt vieles gewollt im luftleeren Raum, die dunkle wagnerianische Zuspitzung zum Schluss wirkt mit seinem stampfenden Klavier und sägendem Rhythmus wie eine ironische Zuspitzung der Dramaturgie.

Auch der Auftakt „Last Lie“ besitzt bereits zu Beginn einen gewissen Drive, der Gesang kühlt das unternehmungslustige Piano ein wenig runter, auch hier erwächst eine Erwartung des nahenden Ausbruchs, doch der Refrain gerät nicht zum himmelstürmenden Triumphzug, wirkt trotz der seidigen Hymnik nachdenklich, „I´m tired of the tiredness“. Dazu gibt wunderschöne Versätze in der Rhythmik, die besonders in der Songmitte für neue Farbgebung sorgen.

Auf dem Sprung ist direkt von Beginn an „As Far As I´m Concerned“, dass niemals so wirklich still hält und dem mächtige Gitarren und ein jubilierendes Keyboard in die Parade fahren, das Auf- und Abschwellen der rhythmischen Frequenz webt dabei ein elastisches Klangkleid. In diesem Stück gibt es übrigens auch den einzigen lehrbuchmäßigen Bombastmoment, zwischen einem weit ausholendem Schlagzeugstakkato laufen delirierende Flöten um ihr Leben, es kracht, die Balken brechen, der Himmel stürzt ein.

Das Einar Stray Orchestra operiert zwar gerne und oft am oberen Ende der Emotionsskala, ist aber schlau genug, Ruheinseln einzubauen. „Seen You Sin“ ist ein an und abschwellender Strudel aus Klavier und Streichern, die dem Gesang von Einar Stray oftmals den sicheren Boden zu entziehen scheinen. Dass an solchen Stellen nicht zwangsläufig noch ein Knalleffekt eingeschoben werden muss, zeugt von der kompositorischen Weitsicht der Norweger. „20.000 Nights“ wird ebenso der Ausbruch verweigert. Der männlich/weibliche Duogesang wirkt wie in einer staubigen Box eingeschlossen, draußen ist die bunte Welt, doch der Schlüssel bleibt unauffindbar, der Refrain zieht dann auch nur um ein Weniges die Intensität an, man bleibt unter sich.

„Dear Bigotry“ ist ein interessantes Verschmelzen von Helligkeit und Dunkel, eine Kombination aus schnellen, kleinen Schritten und ausladenden, großen. Vortrefflich wird dies in „Synthesis“ deutlich, welches zunächst mit flatternden Strings und verhallenden Percussions eine verführerische Illusion einer norwegischen Copacabana erzeugt, die jedoch durch voluminöse Drumbeats in den Keller geführt wird. Eben ließ man es sich noch auf einer sorglosen Kreuzfahrt gut gehen, jetzt steckt man schon im Alptraum. Und ebenso verhält es sich mit dieser Band: liebend gerne wollen sie dich umarmen, doch oftmals auch nur, um dir dann leichter in die Rippen zwicken zu können.

(7,5 / 10)

Info: www.facebook.com/einarstrayorchestra