Klangstof: Close Eyes To Exit

(Mind Of A Genius/ Warner) Was sagen uns folgende Zeilen?: „Play Mario until I see the sunlight/ Nintendo is the only thing that makes me smile“. Man geht nicht falsch in der Annahme, dass da was mit den sozialen Kompetenzen im Argen liegt, Isolation, Mauerblümchen, Nerd! Auf der anderen Seite künden besagte Zeilen auch von der bunten, spektakulären Fantasiewelt der Konsolen, jederzeit, immer auf Abruf. Die Musik von Klangstof bewegt sich nun ziemlich genau zwischen diesen Polen. Der Grundton ist melancholisch, Einsamkeit weht durch die sparsam instrumentierten Stücke. Aber da sind auch Farbkleckse, markante Ausrufungszeichen, die verhindern, dass man die Musik von Klangstof eindeutig in die Trübsal-Ecke verfrachten könnte.

Klangstof, das ist übrigens Koen Van De Wardt. Dessen Biografie bietet dann auch einige Anhaltspunkte für die eigenbrötlerische Anmutung seiner Musik. Mit 14 weg aus der holländischen Heimat, gestrandet in der norwegischen Einöde, ohne Freunde, dafür mit Sprachbarriere. Da kann man schon mal anfangen, im einsamen Zimmer zu musizieren. Wenn man dann noch beim Ausverkauf im Plattenladen die „OK Computer“ abgreift, ist der musikalische Weg fast schon vorgezeichnet. Zumindest fast. Ja, es gibt durchaus die typischen Schlafzimmer-Pop-Bestandteile. Ein gelangweilt genuschelter Gesang, Beatspielereien in moderater Intensität, die Lust an der Soundmanipulation, alles da. Aber Klangstof gibt sich damit nicht zufrieden. In seine Musik schleicht sich die Ahnung einer bunten Welt jenseits der Zimmertür.

Ganz offensiv lebt er das in „Seasons“ aus, eine windschiefe Tanznummer mit angewärmten Bass und flirtender Keyboardpassage, da ist man ganz schnell in der Nähe von Phoenix. Aus dem heimischen Klanglabor kommen aber auch andere Töne, Koen hat scheinbar auch eine Vorliebe für Post-Rock, das eröffnende „Doolhof“ ist dafür ein klassisches Beispiel. Das folgende „Sleaze“ besitzt eine simple, lebendige Synthieminiatur, die viel buntes Licht in das melancholische Treiben bringt. Auch der Titelsong, ein ausgeleierter Guide für Slacker, bringt Schwung durch einen wuchtigen Beat rein. Koen Van De Wardt achtet akribisch darauf, seine Songs nicht zu reinen Jammerorgien verkommen zu lassen, die spürbare Einsamkeit wird mitunter in bunte Kleider gepackt. So gönnt er „Hostage“ ein Postrock-Finale in Widescreenformat und Technicolor.

Auch auf der zweiten Albumhälfte liegt der Reiz darin, dass eine zarte Melancholie mit durchaus markanten Elementen gepaart wird. „Ignore Me“ besitzt alarmhafte Synthies und eine selbstbewusste E-Gitarre, die sich später in „Amansworld“ sogar zu einer kräftigen Erruption hinreißen lässt. „Island“ fasst dann zum Schluss nochmal alle Trademarks dieser Platte zusammen, innig versponnenes Rhythmusgeflacker, Reduktion auf nur wenige Elemente, die aber jeweils große Bedeutung und Wirkung besitzen.

Statt sich in der Melancholie zu suhlen und sich nur um sich selbst zu drehen, hat Koen Vand De Wardt einen Weg gefunden, seine Einsamkeit als Startpunkt für lebendige, fantasievolle Gedankenreisen anzulegen, die räumliche und soziale Isolation ist kein Hinderungsgrund für Expeditionen in eine fantastische Welt.

(8 / 10)

Info: www.facebook.com/klngstf