JULIEN BAKER: Sprained Ankle

(Matador/ Beggars/ Indigo) Im Genre der Singer/Songwriter sind Reduktion und Understatement beliebte Gestaltungsmittel. Gerne zeigt man mit minimalistischer Instrumentierung, dass man gedenkt, nur die Essenz der eigenen Kunst darzureichen. So konsequernt und ungekünstelt wie Julien Baker aus Tennessee macht das aber kaum eine. Ihre Stücke sind tatsächlich von jeder Kosmetik befreit, stehen nackt zwischen Unschuld und Verdruss. Es dauert bis zum dritten Stück, bis man mal ein sachtes Schlagzeug hört, ansonsten: Gesang, mal zärtlich, mal verzweifelt, und eine Gitarre, die als Steigbügel für die tieftraurigen Geschichten der 21 jährigen Dame dient. Zum Schluss, in „Go Home“ gibt es zwar noch ein Piano, doch scheint dies nur seinen Weg ins Album gefunden zu haben, weil Baker die stilistische Strenge wahrscheinlich selbst unheimlich geworden ist.

Derart zusammengekürzt würde natürlich sofort auffallen, wenn die Musik keine tragfähige Substanz hätte. Dieser Gefahr entgeht Baker jedoch spielend, denn ihre Stücke mögen nicht spektakulär sein, sie sind aber durch und durch ergreifend. Bereits das eröffnende „Blacktop“ verwirrt und bezaubert durch eine Mischung aus Schwermut und tänzelnder Unbedarftheit. Dies alles nur durch eine tieftönende Gitarre und einen Gesang, der mit zaghaften Sätzen über Steine einen Fluss zu überqueren scheint. Das Ttelstück plingert selbstvergessen und zurückhaltend durch den kalten Herbstmorgen, und dennoch erzeugt Baker eine gewisse emotionale Dringlichkeit, die keine lauten Töne braucht. Die gibt es übrigens auch auf „Sprained Ankle“ und sind unheimlich effektvoll an den richtigen Stellen platziert. „Everybody Does“ doppelt zum Höhepunkt Bakers Stimme und erzeugt dadurch einen dramtischen Zug, der noch lange durch den Song nachweht. „Good News“ schleppt sich durchaus machtvoll durch einen dickflüssigen Morast, ohne dass ein nennenswert großer Lärmpegel oder gar Brachialität vonnöten wäre. Auch der Aufruhr von „Something“ ist zwar ohne weiteres spürbar, doch scheint Julien Baker diesen mit sich im Spiegel auszuhandeln, die Verzweiflung bleibt aber immer zum greifen nah.

Der Höhepunkt von „Sprained Ankle“ ist vielleicht „Rejoice“, welches auf frappierende Weise die intime Innerlichkeit Bakers mit deren Bedürfnis nach Erlösung und Erhört werden kreuzt. Julien Baker mag zwar eine zierliche Person sein, die man in der Menge übersehen könnte, doch ihre Songs sind randvoll mit unaufgeregter Aufrichtigkeit, mit musikalischer Aussagekraft und einem unlöschbaren Drang, sich auszudrücken. Dabei ist Reduktion mal wieder ein guter Ratgeber, die Stücke erscheinen unverstellt ehrlich, nicht ein Blatt Papier passt zwischen diese Musik und ihre Erzeugerin.

 

(7,5 / 10)

 

http://www.matadorrecords.com/julien_baker