CRAIG FINN: We All Want The Same Things

(Partisan/ Knitting Factory) Die Feststellung, dass wir alle dasselbe wollen, mag ja schön und gut sein, doch schwierig ist es dennoch, erst einmal herauszufinden, worum es sich dabei handelt. Wenn man dazu die ganzen alten The Hold Steady-Alben zu Rate zieht, ist die Antwort recht deutlich: ein Leben als endlose Party, garniert mit drogenbefeuerten, aberwitzigen Liebesabenteuern, „me and my friends are like/ double whiskey/ coke/ no ice“. Craig Finn war dabei immer der leicht sarkastische, ewige Student, der bizarre Trinkerannekdoten zum Besten gab, bei denen man liebend gerne anwesend gewesen wäre.

Doch das Leben verweilt eben nicht bei einer ewigen Jugendzeit, untergründig hat das Finn auch immer gewusst und das auch in seine Texte eingeflochten, was die Songs von The Hold Steady noch witziger und auch irgendwie realistischer gemacht hat. Doch nun, auf „We All Want The Same Things“, ist die Feier vorbei. Der Alkohol ist noch da, nur fungiert er hier als Stützrad, um irgendwie durchs Leben zu kommen, anstatt für beschwipste Heiterkeit zu sorgen. Dabei geht dieses Album vertraut los: „Jester And June“ ist eigentlich ein typischer Hold Steady Song. Ein beschwingter Rhythmus, lebensfrohe Gitarren und das aufgeweckte Bar-Piano steuern sehr selbstgewiss die College-Party an. Aber zwischendrin machen sich nachdenkliche Töne breit, „too much fun/ in eight straight summers“.

Die vom Keyboard beigesteuerten Flötentöne im folgenden „Preludes“ wirken dann auch nicht wirklich heiter, sondern wehmütig. Es riecht nach Frühling, doch scheint festzustehen, dass man diesen alleine verbringen muss. Finns Stimme in diesen Stücken hört sich erstmals tatsächlich müde und erschöpft an, als habe er von seinem Leben nachhaltig genug und als suche er inzwischen verzweifelt nach etwas Solidem, einer ernsthaften Beziehung zum Beispiel. Anstatt irgendwelchen, von zwielichten Substanzen katalysierten Kicks hinterher zu rennen, sind die Wünsche jetzt bodenständiger: „Tonight I´d like you to dance with me/ James I´m glad that you´re here“ Über dieser (homosexuellen) Liebe schwebt dabei bedrohlich und immer in Rufweite der eigene Tod, der alles beenden würde.

Spätestens beim folgenden „God In Chicago“ merkt mann endgültig, dass die zweite Einzeltat von Craig Finn eine ernste Angelegenheit ist. Zu traurigen Klaviertönen wird die Geschichte eines kleinkriminellen Deals erzählt, der sich zu einer unwahrscheinlichen Liebesgeschichte auswächst. Die gesprochenen Worte werden nur einmal von Gesang abgelöst, genau in dem Moment, als sich ein hoffnungsvolles Licht durch die Wolkendecke einer ziemlich schäbigen Kleinstadtexistenz durchkämpft, „I never been to Chicago/ I´ve got nothing going on tomorrow/ maybe we can stay here tonight.“ Doch die Verbindung wird eine flüchtige, einmalige Angelegenheit bleiben, der Zug zieht weiter. „Rescue Blues“ hat dann zwar einen kräftigen Rhythmus, auf diesen legt sich Finns Gesang jedoch wie eine graue Wolke.

An diesen Stellen merkt man, dass der Hold Steady-Frontmann auf dieser Platte der ironischen Verstellung abschwört und nackt in der Kälte stehend Bilanz zieht. Doch es gibt Hoffnung, Liebe ist möglich, man findet sie nur möglicherweise dort, wo man sie nicht vermutet hätte. Unter einem Haufen von Schwermut zum Beispiel, wie in „It Hits When It Hits“, wobei damit tatsächtlich die Liebe gemeint ist. Ein einsames Klavier, vereinzelte Bläser, die sich vorsichtig in einem zwielichtigen Raum vorantasten, die Gitarre veredelt das verlassene Setting mit zutraulichem Plingern, so sieht er aus, der große Moment der Hoffnung, verpackt in ein grau schimmerndes Gewand, das ein zaghaftes Lächeln verhüllt. Es ist erstaunlich, wie feinfühlig und ernsthaft Finn seine Geschichten vorträgt, mit vollem emotionalen Engagement, ohne dass sich seine Stories in Schenkelklopfer produzierenden Pointen auflösen würden. Das Leben ist nämlich letztendlich kein endloser schlechter Witz, über den man sarkastisch lacht, sondern mitunter eine ernste Sache, die die volle Aufmerksamkeit und vollen Einsatz verlangt.

 

(8,5 / 10)

 

http://partisanrecords.com/artist/craig-finn/