GAS: Narkopop

(Kompakt/ Rough Trade) Wolfgang Voigt und sein Projekt Gas waren eigentlich verschwunden, im Schattenrauschen der Klänge, versenkt im Verstummen, 17 Jahre lang kein Klang. Jetzt ist Voigt zurück mit Gas, und die Klänge bekommen ihre Autonomie zurück. Denn „Narkopop“ ist ein Erforschen, eine Reflektion über das Gewicht von Klängen, ihre Natur, bevor sie zu Melodien formatiert werden.

Auf „Narkopop“ verweigern sich die Klangflächen einer narrativen Strukturierung hin zur Melodie, die Klänge erzählen nichts, sie sind einfach. Da dürfen zwar auch mal Streicher auftauchen, aber diese spielen mit Sicherheit kein Liedchen, sie atmen Existenz ein und aus. Die Stücke sind allesamt mit „Narkopop“ benannt und dann entsprechend durchnummeriert, also Narkopop 1-10. Dies korrespondiert gut mit dem kataloghaften Charakter der Stücke, die auch gewissermaßen eine Sammlung darstellen. Voigt stellt die Samples in einen Projektionsraum, ohne das die Samples irgendetwas projezieren oder erzählen würden, erneut, sie existieren ohne doppelte Beduetungsebene, dürfen einfach sein, ohne Kontext, ohne Fußnoten.

Und so ist „Narkopop“ ein pures Vergnügen, ein Schmecken und Betasten der Töne, ein auf sich Wirken lassen der basalen Grundeinheiten von Musik. Das Suffix -“Pop“ wäre natürlich ironisch zu sehen, würde man Voigt nicht zutrauen, dass er diesen Begriff ernsthaft neu verhandeln wolle. Er scheint der Meinung zu sein, dass Musik nicht in erster Linie Geschichten erzählen solle, dafür gibt es die Literatur, Musik habe das Recht, ganz eigenständige künstlerische Zustände zu schaffen, die weder mit der bildenden noch der narrativen Kunst einhergehen. Klang als Definition für sich selbst. Beachtenswert ist zudem, wie sparsam Wolfgang Voigt Rhythmus einsetzt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dieser von verminderter Bedeutung wäre.

Denn da, wo Rhythmus auftaucht, findet ein Transformation von Fläche zu Richtung statt. Selbst in „Narkopop 2“, wo das entfernte, monotone Pulsen eher gefühlt als gehört wird, findet eine ganz sanft vorgenommene Strukturierung der Gerichtetheit statt, die aber Ausnahme und damit ein Sonderfall bleibt. So kommt „Narkopop 5“ mit seinem stampfenden, gleichmäßigen Industrialbeat fast schon die Rolle eines Exoten zu, der aufzeigt, wie Klänge durch Rhythmus durchorganisiert werden können. Der große Rest ist jedoch Fläche, Raum und Ebene. Ambient nennt man das leichthin, doch liegt der Mehrwert darin, dass „Narkopop“ an der Quelle der Musikwerdung sitzt und quasi ein Standardwerk zum Urknall der musikalischen Strukturierung werden könnte.

8 out of 10 stars (8 / 10)

Info: www.facebook.com/WolfgangVoigtKompakt