TIMBER TIMBRE: Sincerely, Future Pollution

( City Slang/ Universal) Wer ist dieser Taylor Kirk? Offenkundig der Frontmann von Timber Timbre, klar aber was macht diesen Mann charakterlich aus? Betreiben wir mal das verbotene Spiel und setzen den Künstler seinem Werk gleich, genauer, dem neuen Album „Sincerely, Future Pollution“. Wenn man das macht, hat man schnell das Bild eines mit vortrefflichen Manieren ausgestatteten Dandys, weißer Anzug, eng geschnittene Lederschuhe, aber die Abgründe….Denn das vierte Album von Timber Timbre offenbart bei genauerem Hinsehen den ein oder anderen schwarzen Fleck.

Vordergründig treffen Begriffe wie gediegen oder reserviert zu, doch unter der Oberfläche brodelt das psychische Unheil. Das merkt man bereits beim Gesang, gesittet trägt Kirk seine Leidenschaften und Bedürfnisse vor, doch knapp oberhalb der Wahrnehmungsschwelle vernimmt man immer wieder ein Seufzen und Raunen, der Gentleman leidet im Stillen und kaum merklich. Mit Aussagen wie „I recall/ velvet cloves and spit and your embrace“ wird direkt im Auftakt das leicht Abseitige etabliert und bleibt im weiteren Verlauf fester Bestandteil.

Und dann die Musik dazu: „Sincerely, Future Pollution“ ist ein Fest der soft-erotischen Synthies. Alles, was einen Song mit einer dezenten Plastikoberfläche überziehen könnte, ist willkommen. Doch statt ausgelassener Konservenromantik bleibt der Raum dunkel, die Gesten und Bewegungen erstarren im Ansatz. Dieses Album besitzt keine vollmundig ausformulierten Melodien, alles wird nur angedeutet, mit Sicherheitsabstand und vornehmer Zurückhaltung. Bestes Beispiel dafür ist der furztrockene Funk von „Grifting“, welches, statt sexuelle Spannung aufzubauen, hüftsteif den Ausfallschritt milimetergenau nach Vorschrift setzt, so tanzen Roboter.

Doch dennoch besitzt die Musik von Timber Timbre eine versteckte Schwüle, es knistert merklich, als würde hinter dem Vorhang aus guten Manieren ein perverses Geheimnis lauern. Besagter Vorhang wird dann tatsächlich einmal kurz gelüftet, wenn „Moment“ nach anfänglichem Klammerblues auf halber Strecke das Tempo anzieht und gruselig verzerrte Gitarren recht ungehalten auf die Hörerschaft loslässt, Norman Bates und David Lynch sind in diesem Moment nicht weit.

Dies ist auch das große Vergnügen an dieser Platte. Vordergründig besteht das Album aus schnulzenhaften Miniaturen voller lauwarmer Gefühlsduselei, doch hintenrum lukt der Wahnsinn ins Bild, der nur hauchzart angedeutet wird aber dennoch seine Wirkung voll entfaltet. So sind die Gothic-Posen in „Sewer Blues“ durch ihre stümperhafte Stilisierung paradoxerweise wirklich gruselig, weil man in einem stillen Moment darauf kommen könnte, dass diese Figuren es damit ernst meinen, eine Karikatur, die Realität wird. „Sincerely, Future Pollution“ zieht seine Faszination nicht aus den dargebotenen Melodien, diese sind unspektakulär und spröde, sondern aus dem psychologischen Spannungsfeld, welches diese eigentlich unauffälligen Kompositionen wie von selbst errichten. Ein kalter Schauer, ist das Mindeste, das man verspürt, wenn diese Band zur Tat schreitet.

 

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

 

https://cityslang.com/artists/timber-timbre