ALL WE ARE: Sunny Hills

( Domino/ GoodToGo) Vor zwei Jahren hieß es bei dem Indiepop-Trio All We Are noch größtenteils „play it cool“. Eine lässige Distanziertheit war der modische Chic der Band aus Liverpool, allzu starke Gefühlsaufwallungen wurden vermieden. Bei ihrem zweiten Werk wirkt das alles nun etwas beherzter und griffiger, cool und lässig ist das aber immer noch. „Burn It All Down“ demonstriert gleich zu Beginn, dass All We Are einen Stammplatz in der Diskothek gebucht haben. Mit infektiösem Beatgerüst wagen sich irrlichternde Synthieflächen auf die Tanzfläche und es wird ein narkotischer Drive etabliert. Der Gesang hält sich noch vornehm zurück, ummantelt das Stück eher leicht, als dass er es dominieren würde. Das Understatement hat aber spätestens mit „Human“ ein Ende. Hier gehen All We Are gehörig in die Vollen. An dieser Stelle tauchen das erste Mal die markanten Gitarren auf, die ein unverzichtbarer Teil dieses Albums werden und im späteren Verlauf die Kontrolle übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt sind wir jedoch noch in der Leistungssport-Disko, der waveige Anstrich steht diesem Stück sehr gut zu Gesicht, mitreißen und euphorisieren sind die Gebote der Stunde. Fein übrigens, wie sich All We Are nicht ausschließlich auf die Sangeskünste von Frontfrau Guro Giklo verlassen, sondern auch den Jungs ab und an mal das Mikro überlassen.

Die nächste Attraktion ist der markige, voluminöse Bass in „Animal“, welcher ein Vorbote für ein ziemlich zünftiges Tanzspektakel ist. Die Engländer packen ganz schön viel Muskelmasse in einen Teil der Songs, ohne dass diese in Behäbigkeit versacken. Im Gegenteil, der Power-Button wird gerade auf der ersten Hälfte von „Sunny Hills“ doch recht häufig gedrückt. Ausgerechnet die mit „Dance“ titulierte Nummer sorgt das erste Mal für einen Ausfallschritt zur Seite, gefällt sich in einem gemächlichen Groove, der von schimmernden Gitarrenspitzen bevölkert wird und sich ein runtergewirtschaftetes Solo gönnt. Beim düsteren „Down“ werden aber noch mal die Turbinen kräftig angeschmissen, hier hat man den Eindruck, in der Industrial-Disko gelandet zu sein, markig, fast schon brutal sägen Gitarren, stampft das Schlagzeug und heulen die Keyboards auf.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Rezipient bereits von der wandelbaren Stilistik dieses Albums angetan, wobei man das Ganze zusammenfassend als Dance-Platte einordnen würde. Aber selbst diese Schublade wird im Folgenden für „Sunny Hills“ viel zu eng. „Dreamer“ entfaltet sich mit schauderhafter Noblesse in einen düsteren Raum, fungiert eher als nächtliches Stillleben mit behutsamer Beatunterlage denn als Bewegungskatalysator. Dies ist auch die Stelle, an der der Grundton von tanzbarer Popmusik zu konfliktbehaftetem Indierock wechselt. Zwar schwingt sich „Waiting“ zu einiger Emphase auf, doch erwächst diese Leidenschaft aus reiner Verzweiflung. Und auch „Youth“ ist dunkel eingefärbt, der Gesang von Giklo hat eine verletzliche Brüchigkeit und es entsteht der Eindruck, dass hier vergeblich versucht wird, etwas Wichtiges festzuhalten.

Das abschließende „Punch“ ist dann der absolute Kontrapunkt zu den ersten Stücken dieses Albums, kein Groove, keine Euphorie, ja, es scheint fast so, als hätte sich die Vitalität völlig verflüchtigt. Giklo liegt am Boden und wir sind betretene Zeugen. Solch ein Ende hätte man auf der Hälfte der Strecke dieser Reise noch als unmöglich abgetan, doch nimmt „Sunny Hills“ diese unwahrscheinliche Wendung hin zu einem fatalistischen, introvertierten Schluss. Diese Ambivalenz im Gefühl erweist sich als Stärke einer Band, die nach einem moderaten Debüt die Ambition als Ratgeber gewählt hat und damit sichtlich gut fährt, Weiterentwicklung geglückt

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

Info: www.facebook.com/thisisallweare