ALT-J: Relaxer

( Infectious/ [PIAS] Cooperative/ Rough Trade) Es ist eine denkbar undankbare Aufgabe, als Heilsbringer für ein ganzes Genre herhalten zu müssen. Da haben Alt-J aus England mit ihren ersten beiden Alben dem Indie fast schon eine neue Identität gegeben und statt dafür einfach dankbar zu sein, verlangt die Szene ungeduldig das nächste überirdische Meisterwerk.

Scheinbar hatten Alt-J aber keine Lust auf eine neuerliche Exkursion im Genie-Modus, oder ihnen gingen die revolutionären Ideen aus. Fakt ist jedenfalls, dass „Relaxer“ nicht überwältigt, dafür berührt es aber sehr angenehm. Der Auftakt „3WW“ schleicht sich in dunkler Tarnfarbe an, von weit unten grummelt der Bass, einige liebliche Akustikgitarrenklänge umgarnen einen bescheidenen Groove. Mit so einem Einstieg verblüfft man mit Sicherheit nicht die Massen, doch man bereitet den Weg für einen unheimlich gefühlvollen Song, der mit einer gewaltigen und wie aus dem Nichts auftauchenden Klimax doch noch ordentlich auftrumpft. Und „I want to love you in my own language“ könnte dieses Jahr der Wahlspruch für all jene werden, deren Beziehung nicht wirklich geradlinig läuft.

„In Cold Blood“ fährt stattdessen die Bandtrademarks auf, ein lässig schwingender Groove, der im Refrain von heißblütigen Bläsern intensiviert wird. Hier muss man allerdings sagen, dass die Bestandteile eines „typischen“ Alt-J Songs zwar da sind, der genialistische Zauber allerdings fehlt und man von ersten Abnutzungserscheinungen im altbekannten Metier sprechen kann.

Besser fahren Alt-J mit ihrer Version des Klassikers „House Of The Rising Sun“, dem sie mit veränderter Tonlage und einer unwirklichen Atmosphäre neue Seiten abgewinnen. Mit „Hit Me Like That Snare“ graben Alt-J im orgelinfizierten, süffigen Sixties-Rock und machen dabei eine äußerst sportliche Figur. Schön zu sehen, dass die Wissenschaftler sich auch einfach mal locker schütteln können. Dies ist vielleicht auch die sympathischste Eigenart von „Relaxer“: diesmal werden die Musiker auf ein normales, menschlicheres Maß runtergekocht, machen auch mal Fehler. So hätte es das schwülstig hymnische „Pleader“ mit royalem Instrumentarium nicht wirklich gebraucht.

Doch bis dahin passiert noch so manch musikalische Feinheit. Die unangestrengte Lockerheit von „Deadcrush“ mit einem wunderbar ausgeleierten Rhythmusgesang von Joe Newman macht Lust auf entspannte Tanzbetätigung und feiert die unangestrengte Existenz abseits musikalischer Revolutionen. „Adeline“ und „Last Year“ greifen in Folge wieder die Betonung aufs romantische Sentiment aus dem Auftakt auf, brauchen nicht viel mehr als Akustikgitarre und Klavier, sowie in „Last Year“ eine wundervolle, zweistimmige Sangesdarbietung.

Bei Alt-J herrscht also merklich eine neue Bescheidenheit, die aus einer musikalischen Zufriedenheit mit einfacheren Lösungen herzurühren scheint. Dies mag zwar für erste enttäuschte Reaktionen bei den Anhängern sorgen, doch merkt man diesem Album den liebevollen Umgang mit diesen Stücken während ihrer Entstehung an. Damit entthronen sich Alt-J vielleicht selbst als Könige des Indie, doch bereiten sie damit eine Existenz als bodenständige Band vor, die nicht ständig in die Verlegenheit kommt, neue Moden und Trends ausrufen zu müssen.

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

Info: www.altjband.com/relaxer