FLINN:The Lost Weekend

(Glad I Did) Die Veröffentlichungspolitik mancher Plattenfirmen ist echt dubios. Da existiert Flinns „Lost Weekend“ bereits seit 2014, liegt jetzt aber erst in unseren Breitengraden vor. Nun, die letzten drei Jahre wären mit diesem Album noch ein wenig schöner gewesen, sei es drum. Zum Glück basiert die Platte nicht auf zeitlich bedingten Trends, „The Lost Weekend“ besitzt ein Rückgrad aus zeitlosem Folk-Rock, hat aber glücklicherweise keine Scheuklappen auf und bedient sich vorsichtig bei diversen Referenzen, die gar nicht mal so naheliegend sind. Zwar wird der Auftakt „Maps“ fachmännisch mit Bruce Springsteen-Rock auf den Weg gebracht, führt dann aber einen fruchtbaren Dialog mit den frühen Maximo Park im Refrain. Auch erstaunlich: Die Strophe von „Heavy Hearts“ macht es sich auf Vampire Weekends „Mansard Roof“ bequem. Dass diese mit einem Augenzwinkern vorgetragenen Querverweise im Rahmen des recht klassischen Americanas von Flinn nicht bemüht wirken, ist bereits eine große Stärke. Eine weitere Wohltat ist die unaufgesetzte Emotionalität der Songs, denen man anmerkt, dass hinter ihnen das ganze Herz ihres Erzeugers steht. Dass der von der amerikanischen Westküste stammende Sean Finn auch die ganz klassische Spielart von Folk-Rock beherrscht, zeigt dann „Riverbed“, welches unter endlosem Sterenenhimmel Gitarre und Klavier herumwandern lässt. Die weite Landschaft, das alte Ideal unbegrenzter Möglichkeiten, dies ist das eine Element von „The Lost Weekend“. Diesem wird hin und wieder das Stadtleben entgegen gesetzt, wie beim lässig schunkelnden „City Lights“.

Das Herzstück der Platte bilden dann drei Stücke, die passenderweise auch mittig im Album platziert sind und durch unangestrengte Kreativität voll überzeugen. „After The Wall“ entrollt sich wehmütig aber unheimlich flüssig, fasst in zartem Gesang Melancholie und Nostalgie zusammen und beschwört ein vergangenes Idyll in einfachen Bildern: „where children would play/ no shoes on their feet“ An dieser Stelle fällt unter anderem auf, wie das Schlagzeug locker aus der Hüfte agiert, ein großer Vorteil für das ganze Album. Eine angedeutete Kribbeligkeit besitzt das Titelstück, welches ein Gefühl von hintergründiger Nervosität mit einem gestückelten Rhythmus erzeugt. Wenn der Großteil der Platte sich lässig und entspannt vorwärts bewegt, hakt und kneift es hier ein wenig, was dem Stück eine Ausnahmeposition einräumt.

Orgel und Marimbas sorgen in Folge bei „Modern Man“ für karibische Seelenbaumelei, können aber nicht verdecken, dass Sean Flinn emotional höchst engagiert ist. Wunderbar, wie sich bei diesen Songs kleinere und größere Ideen zu absolut überzeugenden Liedern formieren. Sean Flinn weiß, welche Mittel er einsetzen muss, um ein bestimmtes Gefühl zu erzeugen, so in „Love Jedidiah“. Mit gemäßigtem Tempo könnte das Stück eigentlich auch sehr wehmütig daherkommen, durch einen lebendigen Backgroundgesang wird dem aber entgegengesteuert, so dass man sich am Ende fast in den Armen liegt.

„Lost Weekend“ ist eine sehr klassische Angelegenheit, dies ist ein Rockalbum, welches so auch schon in den Siebzigern hätte passieren können. Doch Sean Flinn verschließt sich nicht den Einflüssen neueren Datums, so dass sein Album locker, einfallsreich und alles andere als angestaubt daher kommt. Dies ist liebenswürdige Musik, partiell mit ordentlichem Schwung, aber immer locker und geschmeidig, wunderschön!

8 out of 10 stars (8 / 10)

Info: www.flinnband.com