MILLIONAIRE: Sciencing

(Unday/ Rough Trade) Wer sich erst seit 2005 mit der Indie-Musik befasst, wird Tim Vanhamel lediglich als Mitglied der Eagles of Death Metal kennen, sein durchaus erquickliches Schaffen mit der Band Millionaire wird dann jedoch vermutlich ein blinder Fleck sein. Schade, denn die Belgier sorgten für wunderbar schräge Kauzigkeiten in Rock. 12 Jahre nach dem letzten Album kommt jetzt jedoch ein Nachfolger, der allen Unbewanderten in Sachen Millionaire eventuell ein gewisses Staunen abringen wird. Denn Vanhamel geht auf „Sciencing“ in die Vollen, beackert ein weites Feld und schaut bei so mancher Stil- und Musikrichtung rein. Aber erstmal stellt er sich gebührend vor, als schmuddeliges „Love Child“ im schleppenden „I´m Not Who You Think You Are“. Zu einem zäh federnden Beat und in alle Richtung verzerrten Schrottplatzgitarren suhlt und windet sich Vanhamel im Schweiß, welcher durch eine erotische Schwüle hervorgelockt wird. Die Luftfeuchtigkeit ist zu Beginn direkt hoch, jede wollüstig träge Bewegung (dazu gehört ein sleazy Gitarrensolo am Ende) sorgt für Erschöpfungszustände und Ermattung. Dennoch steckt bereits hier eine ungesunde Energie in dieser Musik, die wie ein Flirt mit den dunklen Seiten der Sinnlichkeit erscheint. „Bamboo Moon“ knüpft einen Teppich aus lasziven Percussions, der Falsett-Gesang räkelt sich anzüglich durch diesen Song, der auch noch mit einer Bluesgitarre versehen wird, die mit dem Hörer auf Nahdistanz geht.

Vanhamel etabliert sich zu Beginn von „Sciencing“ als verdorbener Hohepriester der Schmutzfinken, seine sexuelle Ausstrahlungskraft hat einen Heiligenschein aus Schweißflecken und aller sonstigen Körperausdünstungen. Mit „Love Has Eyes“ wird dann aber anderes Terrain betreten. Millionaire packen jetzt entschlossener zu, schicken das Stück mit maritimen Festplatzgitarren in einen Nahkampf mit den in Signalfarben daherkommenden Synthies. Dies bedeutet einen entschlossenen Schritt in Richtung eingängiger Rockmusik, eine Maßnahme, die auch im Folgeneden wunderbar greifen wird.

Denn „Guru´s Feet“ macht anschließend eine wahnsinnige Entwicklung durch. Der Song startet in geisterhafter Schwebe, der Gesang floatet distanziert durch ein hallendes Rhythmuskonstrukt und löst sich von jeder Festigkeit. Dann jedoch macht Vanhamel ernst und packt das Stück an den Eiern, macht daraus eine unheimlich maskuline Muskelshow und der nun absolut mitreißende Gesang fährt in die tanzbereiten Glieder der Zuhörerschaft. Dabei bleibt der Grundbeat durchgängig derselbe, aber was an Stimmen- und Gitarrenarbeit hier durchexerziert wird, ist mehr als beachtlich.

In Folge machen es sich Millionaire für drei Songs in der Dreampop-Ecke gemütlich, „Silent River“ mit Clara Klein ist ein geheimnisvolles Nachtschattengewächs von einem Duett unter fahlem Mond und mit einer Lieblichkeit, die selten ist auf diesem Album. „Back In You“ setzt den eingeschlagenen Weg mit Streichelgitarren, Keyboardstreichern und einem glasigen Piano fort, bevor „Wasteland“ die zurückgenommene Grundstimmung noch ein wenig Richtung einsamer Streiter in weiten Landschaften verschiebt. Andererseits findet dieser Song den Weg zu einem soghaften Rhythmus, der stellvertretend für die hypnotische Wirkungskraft dieses Albums steht.

Ähnlich verhält es sich mit dem stoischen „Little Boy Blue“ welches seine Bewegung als beinahe einziges Element auf der Habenseite verbuchen kann, unterlegt von einer dunkel schimmernden Patina aus Wüstenstaub. All diese stilistischen Feinheiten muss man zweifelsfrei als Hörer

wertschätzen, Vanhamel gibt sich als Vielseitigkeitskünstler, die Stücke leuchten in den verschiedensten Schattierungen. Doch leider ist eine Wahrheit dieses Albums, dass diejenigen Momente am eindringlichsten sind, die einer relativ klassischen Rockstruktur folgen. So ist „L´Homme Sans Corps“ zum Beispiel sicherlich ein fein gezeichnetes Stimmungsbild, gepackt wird man aber dann, wenn „Bloodshot“ so richtig loslegt oder die einfachen Strukturen von „Busy Man“ für Tanzlust sorgen. Deswegen ist die Vielseitigkeit von „Sciencing“ keineswegs vergeudet, man stößt immer wieder auf spannende Details, doch den richtigen Kick bekommt man vom Rocker Tom Vanhamel, wenn er sich nicht um Feinheiten kümmert, sondern ordentlich Staub aufwirbelt.

(7 / 10)

Info: www.facebook.com/millionaireband