KEVIN MORBY: City Music

( Dead Oceans/ Cargo) Dieses Jahr hat gerade die Halbzeit überschritten und wir können feststellen, dass im Songwriter-Sektor schon so manch feines Werk erschienen ist. Father John Misty überschattet alles mit seinem Mammutwerk, doch auch Craig Finn und Daniel Romano haben ihren beträchtlichen Anteil an einem gelungenen ersten Halbjahr 2017. Dass sich nun Kevin Morby mit seinem Album „City Music“ in die vorderste Riege der Songwriter-Granden befördert, wird beim Erstkontakt mit dieser Platte noch nicht so recht deutlich.

Denn „City Music“ ist eher spröde und unspektakulär. Man mag sich beim ständigen Wiederholen des Songtitels in „Dry Your Eyes“ sogar zunächst etwas langweilen. Doch lässt man sich von „City Music“ ausgiebig auf seinen Spaziergängen begleiten oder in den Schlaf singen, stellt man schnell fest, hier wächst ein guter Freund heran. Dieser will aber erst erobert werden, denn sein Ding ist das Außenseitertum, Morby kann nicht gut mit Menschen. „I never was someone you´d like to meat“.

Der Texaner kennt das Gefühl der Zugehörigkeit anscheinend nur vom Hörensagen, sucht die belebten Plätze auf, doch findet keinerlei Anschluss: „I go to a city square/ just to see who or what I gonna find there/ but there ain´t no soul I know/ no commotion for me to be part of“. Na gut, dann macht man halt Musik über die Einsamkeit. Und diese erweist sich nach mehrmaligem Genuss dann doch als äußerst raffinert. Nehmen wir zum Besipiel den Titelsong. Der schafft nämlich einen verblüffenden Übergang von einer müßig tändelnden Gitarrenfigur, die in lauer Sommernacht dem Hörer kaltes Wasser auf die Stirn tröpfelt, hin zu einem funkigen Abenteuerausritt mit viel Funkenschlag und Hitze. Ein weiteres offensichtliches Highlight ist der sakrale Götterrefrain von „Pearly Gates“, welcher selbst Atheisten mit heiliger Wonne erfüllen sollte.

Vieles liegt aber bei „City Music“ eher im Verborgenen. Besagtes „Dry Your Eyes“ macht nach und nach die Wandlung von einem eher öden Schleicher zu einer existentialistischen Bestandsaufnahme mit lakonischem Flair durch. Der Auftakt „Come To Me Now“ lässt sich von einem Harmonium wundervoll durch die stille Mondnacht begleiten, Morby klingt unbeteiligt, ernüchtert, doch glüht in seinem Vortrag ein kühles Verlangen, welches dem Stück ein unscheinbaren emotionalen Fußabdruck verleiht. Nostalgie ist ebenso ein Thema auf diesem Album. „Aboard My Train“ gönnt sich den seeligen Rückblick auf eine Schülerliebe und die dazugehörige, musikalische Ausprägung ist dabei zutraulich und sogar witzig beschwingt.

Diesen Schwung hatten zuvor auch schon „Crybaby“ und die schnittige Ramones-Hommage „1,2,3,4“. Und so kommt man schnell darauf, dass „City Music“ ein äußerst variantenreiches und hinter seiner schlichten Fassade auch ganz schön raffinertes Album ist. Morby muss nicht groß in drmatische Posen verfallen, er setzt darauf, sein Innenleben mit Würde und Schlichtheit nach außen zu tragen. Auf lange Sicht gewinnt er damit wahrscheinlich einige neue Freunde, die auf oberflächlichen Small-Talk keinen Wert legen. Morby ist bescheiden, kommt aber hartnäckig immer wieder an deine Tür und überzeugt letzten Endes mit Bescheidenheit und Melodien, die ihre Wirkung erst mit der Zeit entfalten. Ein wahrer Grower!

 

(8 / 10)

 

http://www.kevinmorby.com/