BAIO: Man Of The World

( Glassnote/ Caroline/ Universal) Entschuldigen sie bitte die Frage, aber was will dieser Chris Baio eigentlich? Will er ein mit Sorgen und schwerem Herzen vorgetragenes Album vorlegen, welches sich der diversen harten Realitäten unserer Welt bewusst ist, oder doch lieber ein locker flockiges Pop-Album? Ist er Optimist oder Pessimist? Wir glauben jedenfalls, dass der Vampire Weekend-Bassist selbst nicht so sicher ist, was „Man Of The World“ sein soll, schöne Songs gibt es aber reichlich.

Doch gleich zu Beginn ist sie da, die Verunsicherung, das Hadern mit den eigenen Entscheidungen und den Konsequenzen selbiger, „learning to live with a decision/ one that´s not the one/ I´ve would have made“. Doch was sollen bei solchen betrüblichen Feststellungen die feierlichen Bläser, werter Herr Bowie-Imitator? Na ja, macht ja nix, irgendwie ist dieses Verharren in der Unentschlossenheit ja auch ganz reizvoll. Bei „The Key Is Under The Mat“ entsteht ziemlich unerwartet eine große Nähe zu Baios Hauptband, der Bass hat Herzrasen, das Cembalo muss noch seine Melodie vor der Deadline fertig bekommen, damit der „A-Punk“-mäßige Refrain auch noch zu seinem Recht kommt.

„Out Of Tune“ ist ebenfalls auf der Sonnenseite zu Hause, diese Fahrt in einer Spielzeugeisenbahn durch ein quietschbuntes Legoland gönnt sich einen Refrain, der das Highlight im Abendprogramm einer queeren Kreuzfahrt wäre. Da würde sich auch „PHILOSOPHY“ wohlfühlen, eher geklatschte Percussions, Hochglanz-Bläserfanfaren und ein äußerst geschmeidiger, funky Gesang, da steigt die Laune doch gleich ins Unermessliche.

Doch Baio kann und will auch anders, das düster wabernde „DANGEROUE ANAMAL“ hat so gar nichts übrig für kleine Scherze oder leichte Kost. Da merkt man, dass sich Baio im letzten Jahr mit Trump, Brexit und den Auswüchsen des Terrors in Europa rumgeschlagen hat. Was die eignene Gefühlswelt anbelangt, bekommen wir jedoch niemals wirklich den echten Baio zu sehen, denn Bekundungen wie „I´m such a sensitive guy/ even my tears cry“ erzeugen doch eher den Eindruck, sie seien als pseudointimes Geständnis für das Hochglanzcover eines Klatschmagazins aufbereitet worden. Dazu tönen Orgel und Bläser auch noch recht unbedrückt und stressfrei, ja ja, dieser Schelm, ein richtiger Hochstapler, will man meinen.

Auf der anderen Seite gibt es aber eben doch diese ernsten Selbstreflektionen, „Shame In My Name“ geißelt die eigene Priviligiertheit, die einem einen Logenplatz bei der Beobachtung von genau denjenigen globalen Tragödien einräumt, welche einen letztendlich nicht wirklich tangieren. Die düster rotierenden Synthies und das humorfreie Gitarrenspiel treffen aber dann doch wieder auf locker klöppelnde Percussions, die den Focus erneut auf die eher vergnügungsorientierte Poplieblichkeit legen.

„Man Of The World“ ist somit ein seltsam unentschlossenes, inkohärentes Album, welches keine übergeordnete Narration bietet, es ist stilistisch vielfältig, das ja, es fehtlt jedoch der rote Faden in diesem eklektischen Gewusel aus Stimmungen und Musikrichtungen. Dass die Songs jedoch für sich gesehen durchaus stark sind, soll hier nicht verschwiegen werden, es ist nur einfach so, dass man bei der Bewertung dieser Platte ebenso unentschlossen ist, wie der Künstler mit seinem Werk selbst.

 

(6,5 / 10)