BROKEN SOCIAL SCENE: Hug Of Thunder

( Arts & Crafts/ City Slang/ Universal) Eine der prägenden Bands des 00er Jahre-Indierock war das Künstlerkollektiv Broken Social Scene. Die Kanadier bewegten sich im Grenzgebiet zwischen euphorischen Pop-Momenten und dem kautzigen Klangerxperiment. Dabei war man als Hörer immer seltsam berrauscht vom Wagemut der Truppe, poppige Ansätze in eine schwer durchschaubare Verwirrung zu verlängern, den eindeutigen Weg zu verlassen und der Absonderlichkeit einen prominenten Platz einzuräumen.

Für all diejenigen jedoch, die sich bei dem ganzen Durcheinander immer etwas wehmütig mehr Eindeutigkeit gewünscht haben, schlägt jetzt die große Stunde: „Hug Of Thunder“ ist das mit Abstand stringenteste, geradlinigste Album der Broken Social Scene. Es werden hier groß angelegte Melodien zelebriert, der Songaufbau ist schlüssig und recht schlank angelegt und gerade während des ersten Drittels der Platte könnte es passieren, dass man sich mit wildfremden Menschen in den Armen liegt, um diese Hymnen der Gemeinschaft zu feiern.

„Halfway Home“ mit polterndem Rhythmus, glattpolierter Akustikgitarre und jeder Menge Hymnik in der Stimme gibt den Weg vor, mit Sturm und Drang über Stock und Stein. Der „Protest Song“ steigert sich zum Finale des Refrains in einen angestachelten Rausch, die Strophe davor war dagegen zart und weich hingehaucht. Doch die Kraft in den Stücken ist immer greifbar. Auch in der weitschweifigen Lagerfeuerüberhymne „Skyline“. Dieses Stück ist der klanggewordene Eskapismus, verbreitet ein Gefühl der Gelöstheit und der Weite und der Refrain trifft einen dort, wo die Tränen und das Freudejauchzen herkommen.

Mit „Stay Happy“ und „Vanity Pail Kids“ werden Instrumentierung und Songaufbau etwas schräger, doch auch hier setzt sich der Pop durch, trotz verquerer Rhythmik und so manch seltsam anmutendem Flöten- oder Bläserton. Man hat auch bei diesen Stücken das Gefühl, dass die Broken Social Scene diesmal beweisen will, dass sie sich nicht hinter verwirrenden Soundeskapaden verstecken muss und in der Disziplin des zielgerichteten Popsongs ebenfalls zu den Meistern gehört.

Ein weiterer Beweis dafür ist das etwas zurückhaltendere Titelstück, dessen zarter Gesang sich unheimlich wohlig in das weiche Instrumentarium einschmeichelt. Zu diesem Zeitpunkt der Platte ist die Euphorie und das Drängen merklich runtergefahren. Auch „Towers And Masons“ bewegt sich in einer ausgepolsterten Komfortzone, die organisch pluckernden Percussions stimulieren den tiefenentspannten Gesang, nichts drängelt sich in den Vordergrund, obwohl das Klangspektrum vital und aufgeweckt erscheint.

Auch „Please Take Me With You“ braucht nicht das Spektakel, ein nüchtern relaxter Gesang, luftige Gitarren und ein wenig matter Glanz vom Keyboard, das reicht um den Hörer wunderbar in ein Traumland wegdriften zu lassen. Der etwas knackigere Beat von „Gonna Get Better“ mit tief tönenden Synthies leitet das stimmungsvoll traumhafte Ende von „Hug Of Thunder“ ein, welches von „Mouthguards Of The Apocalypse“ mit einem süffigen Bass und einer gewissen klanglichen Schräglage abgerundet wird. Die kleine Explosion im Stück sorgt dann abschließend sogar noch einmal für Gänsehaut.

Was ausnhmslos allen Stücken beschieden werden kann, ist der Wille zur klaren Melodie und einer gewissen Handfestigkeit. Dieses Mal lässt die Broken Social Scene nicht zu, dass ihre Songs ins Experimentelle ausfransen. Durch außergewöhnlich schöne Melodien und ein abwechslungsreiches Klangbild punktet „Hug Of Thunder“ auf einer basalen Ebene, eine Aufgebot an verwuschelten Ausritten ins musikalische Unterholz ist hier einfach nicht nötig. Jetzt bleibt noch die Frage, wo man dieses Album im Kanon der Band qualitativ einordnet. Das hängt ein wenig davon ab, wofür man die Band bisher geschätzt hat. Manche werden hier das Obskure, die teilweise konfusen Querschüsse vermissen, diejenigen jedoch, die sich bei dieser Band immer ein wenig mehr Stringenz und Klarheit gewünscht haben, werden „Hug Of Thunder“ als das Meisterstück der Kanadier betrachten.

 

8 out of 10 stars (8 / 10)