Lars Eidinger – I’ll Break Ya Legg

Lars Eidinger – I’ll Break Ya Legg

(!K7 Records) Bei Lars Eidinger denken die allermeisten zunächst an die große Bühne: Der bekannte Schauspieler hat sich einen Namen durch seine Interpretation des Hamlet und Richard III gemacht, in den legendären Shakespeare-Inszenierungen des großen Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin, einer der wichtigsten Theaterbühnen Deutschlands. Eidinger ist bereits seit 1999 fester Bestandteil des Ensembles und hat sich zum Aushängeschild der Schaubühne entwickelt. Er trat auch in vielen deutschen Filmproduktionen auf, unter anderem dem großen Erfolg „Alle anderen“ von Maren Ade, „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid oder „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus. Ebenso in zahlreichen internationalen Produktionen wie „Goltzius And The Pelican Company“ von Peter Greenaway, „Mathilda“ von Alexey Uchitel oder „Clouds Of Sils Maria“ und „Personal Shopper“ von Olivier Assayas sowie in deutschen und internationalen TV-Serien wie „Tatort“, „Polizeiruf 110“, „SS-GB“ auf BBC und der Netflix-Serie „Sense8“ von den Wachowski Schwestern.

So viel zu seinem beeindruckenden Bühnen-Trackrecord. Dass er auch ein musikalisches Händchen hat, ist hingegen weniger bekannt. Umso spektakulärer ist daher das klangliche Fundstück, das !K7 Records nun zurück ins Scheinwerferlicht bringt:

Als Lars Eidinger 1998 noch an der renommierten Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ studierte, veröffentlichte er eine 10“ Vinyl mit dem Titel „I’ll Break Ya Legg“ unter seinem Namen auf STUD!O K7’s Sublabel Studio 54.

Die Platte ist eine echte „Home-Production“: Die sechs Tracks hatte er damals noch auf seinem Computer im Keller des Hauses seiner Eltern in Berlin-Tempelhof auf einer 4 MB Soundkarte produziert. Das ganze ist zu 100 Prozent sample-basiert, der Sound ziemlich Lo-Fi – aufgrund der begrenzten Speicherkapazitäten seiner Festplatte. Tatsächlich konnte er nur die Drum-Sounds in Stereo sampeln, während alle anderen Samples größtenteils in Mono verwendet wurden. Das gibt dem Ganzen eine sehr raue und düstere tonal-ästhetische Note. Später ergänzte er sein Equipment um Drum-Maschinen wie den Roland TR-808 und analoge Synthesizer wie den Mini-Moog und den Akai Sampler MPC 2000.

Alle Tracks sind sehr instrumentell mit einer melancholischen, fast morbiden Athmosphäre. Er sagt, er behandele Motive wie „Weltschmerz und Nagelbetten“. Auf dem 12“ Re-release von „I’ll Break Ya legg“ gibt es nun zusätzlich zu den sechs ursprünglichen tracks noch fünf bislang unveröffentlichte Tracks aus derselben Zeit zu hören, die es damals nicht auf die 10“ geschafft haben.

Die 10“ fand in ihrer Zeit durchaus Beachtung unter Kritikern – wie die Review von Sascha Kösch im Musik-Magazin De:Bug aus dem Jahr 2000 dokumentiert. Kösch schrieb damals über „I’ll Break Ya Legg“: „Wäre dies eine gerechte Welt, die so funktioniert wie man sich das denkt, dann würde diese Platte in jedem Laden in einem Fach zwischen darkem instrumental Hip Hop stehen, jeder DJ, der so etwas auflegt würde sie mitnehmen, weil es sich in den Wochen danach dann als absoluter neuer Klassiker des Genres herauskristallisieren würde, und ca 100.000 Clubgänger würden diese Platte und ihre 6 recht kurzen Tracks zu Recht abfeiern. Aber so ist es nicht. Die DJ Szene um solche Tracks ist nach wie vor eher unstrukturiert, die rauschenden Partys, die eigentlich jeden Tag laufen sollten, denn schließlich ist doch bald Jahrtausendwende, und einen besseren Vorwand hatte man noch nie, gibt es nur selten, und die gesamte Logik dieser Platte wird wohl so nicht zum tragen kommen. Mehr Menschen werden sich das zuhause anhören, wo es in Diskussionen um die Advancedheit der Beats und die Strangeness der Sounds (und einige sind ganz schön strange) in diversen Zwiegesprächen mit sich selber verwickelt wird, sie wird es auf diverse Mixtapes schaffen, die dann im Auto gehört werden während man zu einer Party fährt auf der die Musik freundlich gesagt schlechter ist, und die Darkness der Tracks, denn einige hievon sind ganz schön dark, wird sich, anstatt so eine Art Groove zu sein auf dem sich die Stücke bewegen, ein wenig zum Selbstzweck. Schade. Die Tracks sind allesamt sehr überraschend, deep genug um sich aus einer Soundtrackästhetik selber wieder herauszudrängen, auch wenn die Samples oft in diese Richtung gehen, und alles an dieser Platte kann einen begeistern. Falls Studio 54 jetzt nicht den Fehler macht zu schnell ein klassisches Artist Label zu werden, dann sagen wir ihm erst mal eine gigantische Zukunft voraus und freuen uns schon jetzt auf jede weitere 10″. Kösch gab der Aufnahme die volle Punktzahl in seiner Plattenkritik.

In den Folgejahren blieb Eidinger neben seinem schauspielerischen Aufstieg auch weiterhin musikalisch umtriebig. So schuf er Musik-Produktionen für Theater-Performances, wie zum Beispiel für „A Doll’s House“, „Exterminating Angel“ und „Mourning Becomes Electra“. Alle drei Stücke wurden von Thomas Ostermeier inszeniert. Darüber hinaus komponierte er den Soundtrack für die ARTE-Dokumentation „Die Mörder des Herrn Müller“ unter Regie von Ernst-August Zurborn.

Auch als DJ machte sich Lars Eidinger einen Namen. Mit dem Auflegen begann er bereits im Jahr 1996 und trat später in verschiedenen Berliner Clubs auf, darunter Aktionsgalerie, Kunst und Technik, Rio, Broken Hearts Club, Pop, Prince Charles, Adagio, Crackers, Konzulát sowie Erste Liga und Rote Sonne in München. Er betätigte sich zudem als DJ auf verschiedenen Theater-Festivals in der ganzen Welt, in Barcelona, Brüssel, Avignon, Montreal und Adelaide. In der Regel legt er dabei mit Vinyl auf.

Seit 2002 organisiert er auch seine eigene Party-Reihe namens „Autistic Disco – pop is pop and art is art“ in der Schaubühne in Berlin, wo er eklektisch Pop-Musik spielt und den Raum in einer Art Kirche des Pop verwandelt, in schwarzes und weißes Licht getaucht, mit jeder Menge künstlichem Nebel und großflächigen Projektionen von Zitaten bekannter Künstler und Pop-Musiker an den Wänden.

Das Coverfoto wurde vom Fotografen Juergen Teller aufgenommen, mit dem Eidinger bereits seit langer Zeit befreundet ist und schon häufiger kollaboriert hat. Verantwortlich für das Typedrawing bei der Artwork ist der Künstler Carsten Fock – ein deutscher Maler, der die Meisterklasse von Per Kerkeby auf der Städelschule in Frankfurt am Main besucht hat. So hat der musikalische Schauspieler ein kleines schöpferisches Ensemble auf die Beine gestellt, um die Neuveröffentlichung seiner Kellerproduktion gewohnt multi-kreativ zu inszenieren.

Info: www.agentur-schneider-berlin.de/lars-eidinger