Tiny Moving Parts – Swell

Tiny Moving Parts - Swell(Big Scary Monsters) Am 26.01. erscheint mit „Swell“ das neue Album des familiengeführten (zwei Brüder, ein Cousin) Emo-Rock-Unternehmens „Tiny Moving Parts“ aus Minnesota. Drei Singles sind bereits erschienen und da wird es doch höchste Zeit, mal ein tieferes Ohr in die Songs zu werfen. Spoiler Alert: es geht wieder um das Thema Liebe (worum sonst?). Mit dem Vorgänger „Celebrate“, das zum Erscheinungsdatum nur 20 Monate auf dem Buckel haben wird, liegt die Messlatte ziemlich hoch. Aber das ist kein Problem. Wirklich nicht! Mit „Swell“ wird nämlich eindeutig bewiesen, dass eine Band sich weiterentwickeln kann, ohne sich zu wiederholen und auch ohne sich selbst untreu zu werden. Das gilt vor allem für die Songtexte, die so persönlich, großartig und auf den Punkt sind, dass ich darauf etwas deutlicher als auf die Musik eingehen werde. Es steckt eine wunderbare Leichtigkeit darin, die versüßt wird mit der Schwere des nicht mehr ganz Neuen und des Erwachsen werdens, das langsam wirklich nicht mehr verleugnet werden kann. Die erste zweite und vielleicht auch dritte oder vierte Liebe sind vorbei und da steht man nun mit all dieser Erkenntnis.

Was tun, wenn sich die vermeintliche Antwort auf alle Fragen als ungeeignet erwiesen hat? „Send applause to your heart strings“ ist der Rat des Openers „Applause“ und dann „may they strum and feel everything“. Sprich: lass dich nicht unterkriegen und lass dein Herz offen, auch wenn es weh tut! „Smooth It Out“ rät auch der zweite Song und erinnert daran, dass jeder selbst die Aufgabe hat, seinen Weg zum Glück zu finden. Und dann kommt auch schon Phase drei: „Feel Alive“ Und zwar unabhängig von allen Umständen. Auch wenn man das, was war und das was man verloren hat immer noch sehr vermisst. Hier kommt auch zum ersten mal die wunderbare weibliche Stimme zum Einsatz, deren Urheberin ich trotz Recherche nicht herausfinden konnte.

Gleich darauf folgt die bereits im November ausgekoppelte Single „Caution“, die mich schon beim ersten Hören so gefesselt hielt, dass ich den Song tagelang in Dauerschleife gehört habe. Über den Aufbau dieses Songs allein könnte man einen ganzen Artikel schreiben. Er startet langsam mit dem Fokus auf die Stimme mit reduzierter Begleitung. Der Gesang ist sehr emotional, teilweise bricht die Stimme sogar, man hat leichte, wunderschöne Misstöne und es geht in ein rotziges Shouten über. Dabei begleiten die Gitarren so spielerisch, dass es das reinste Fest ist. „The caution tape that you’ve wrapped around my brain has continued to stay“. Wer kennt das nicht? Nach enttäuschter Liebe ist es erstmal schwer zu vertrauen, aber auch hier ist im Duett mit Dylan Mattheisen die wundervolle weibliche Stimme zu hören und löst das Ganze hoffnungsvoll auf: „you are caffeine in my bloodstream. you are the energy hidden in between two muscles sleeping“.

„Wildfire“ wiederum scheint ziemlich eindeutig von einer nicht ganz so sauberen Trennung zu handeln: „I think you wish I wasn’t around anymore. I think you wish I passed in a crash of some sort“. Und da kann man sich frei nach „Whale Watching“ schonmal fragen: „how am I supposed to feel“? Dieser großartige Song wirkt wie eine kurze Pause, ein Durchatmen, ein sich zurücklehnen und reflektieren und ein Frieden schließen mit dem Ende trotz aller Ambivalenzen. Die Erkenntnis, dass die Trennung schon richtig war – „I am the pond and you wanted an ocean“ und „this place was never meant for me“ und doch die große herzzerreißende Sehnsucht und die Flucht zurück – „bring me back – I never wanted to leave (…) It’s all I had (…) is this too much to ask?“.

Der Song „It’s Too Cold Outside“ wiederum behandelt das Stillstehen und die (Des-)Orientierung nach einer Beziehung: „I don’t even know who I am“ (auch wieder mit dieser wunderschönen weiblichen Stimme). „Malfunction“ ist voller Wut und bitterer (etwas überzogener) Realitätsfeststellung: „it was a malfunction. You leaving me behind. (…) I guess I lost my spine“. „Wishbone“ – die Wünschelrute, die sich wieder ausrichtet und sich vielleicht doch wieder traut, sich umzuschauen: „there is no hope in a heart that doesn’t beat“. Hier ist übrigens auch mit dem lauten Appell: „may your braincells swell with love“ die Herkunft des Albumtitels versteckt. Zum Abschluss wird mit Chören und Trompeten wird nochmal alles gegeben. „Warm Hand Splash“ beschreibt einen Zustand, in dem man sich vielleicht auf etwas Neues einlassen möchte, aber noch nicht kann: „first of all I am sorry. disappointed enthusiast (…) will the old me ever come back? (…) you’re warm, I’m cold. There’s no argument“. Und dann der letzte hoffnungsvolle Wunsch: „could you please keep the light on for me?“.

Selten habe ich ein Album gehört, das sich so wenig mit Floskeln und so wenig an der Oberfläche bewegt hat wie dieses. Das einzig andere Beispiel, was ich zu nennen weiß ist das großartige „Skeletons“ von „Hawthorne Heights“, in dem die Band den plötzlichen Tod von Gitarrist Casey Calvert verarbeitete, den sie nach exzessivem Drogenmissbrauch in ihrem Tourbus auffanden. Die Songs – jeder für sich – sind so persönlich, so ehrlich und vielleicht deshalb so unglaublich gut. Anders als „Skeletons“ versteht es „Swell“ aber das andere der beiden großen Themen im Leben – Liebe und Tod – auf eine beschwingte Weise zu behandeln, ohne den damit verbundenen Schmerz zu verleugnen. Damit haben sie meines Erachtens ein Meisterwerk geschaffen, das seinesgleichen leider noch lange suchen wird.

(9,5 / 10)

Künstler: Tiny Moving Parts
Album: Swell
Erscheinungstermin: 26. Januar 2018
Label: Big Scary Monsters
Gesamtlänge: 31:58 Min.
Info: www.facebook.com/tinymovingparts

Tracklist:

01. Applause
02. Smooth It Out
03. Feel Alive
04. Caution
05. Wildfire
06. Whale Watching
07. It’s Too Cold Tonight
08. Malfunction
09. Wishbone
10. Warm Hand Splash