Senses Fail – If There Is Light It Will Find You

Senses Fail - If There Is Light It Will Find You(Pure Noise Records) Wer in das am 16.02. erschienene siebte Studio Album von Senses Fail reinhört und eine Retorte vom 2004er „Let It Enfold You“ erwartet, der kann nur bitter enttäuscht werden. Wer aber all seine Erwartungen über Bord wirft und einfach mal zuhört, der wird von einem wundervollen, düstertextigen und doch irgendwie sonnigen Album überrascht, das wahrscheinlich so persönlich ist wie kein anderes Senses Fail Album zuvor.Das Genre Pop-Punk kommt einem in den Sinn, wird aber gleich wieder zurück in die Schublade gelegt. Früher war definitiv mehr Screamo und Emocore und einige Gitarrenriffs erinnern verdächtig an Blink 182 oder Set Your Goals, aber für Pop-Punk ist da zu viel gelegentlich in emotionales Geschrei überspringende Stimme und auch Double-Bass Beatdowns sind zu finden. Senses Fail in all ihrer Originalität und Einzigartigkeit sind trotz aller Veränderung definitiv wieder zu erkennen!

James „Buddy“ Nielsen – letztes verbleibendes Gründungsmitglied der Emo-Rocker aus New Jersey – litt viele Jahre lang unter Angststörungen, Depressionen und Sucht. Das alles hätte in den frühen Jahren von Senses Fail beinahe zu deren Auflösung geführt, weil er auf der Bühne manchmal orientierungslos erschien und sogar die Texte vergaß. Heute praktiziert er täglich buddhistische Meditation und reflektiert viel über das Leben. Mit diesem Hintergrundwissen erscheint es deutlich weniger ungewöhnlich, dass Buddy sich traut, seine ganz eigene Geschichte von Alter, Krankheit und Tod zu erzählen. So wurde in den letzten drei Jahren seit Veröffentlichung des letzten Albums nicht nur Multiple Sklerose bei seiner Frau diagnostiziert, die beiden haben auch eine Fehlgeburt erlitten und bei der Geburt des zweiten Kindes hätte er beinahe auch sie verloren. Eine Menge also, die es zu verarbeiten galt. Dazu kommt der Fluch des älter Werdens und die politische Situation in Amerika. Das alles ist textlich ins Album eingeflossen.

Der Opener „Double Cross“ startet mit einer wundervollen und luftig-leichten Gitarrenmelodie und geht stimmlich und musikalisch sehr nach vorne. Eine leicht melancholische Stimmung ist aber in den Moll-Tönen durchaus zu erkennen : „Everyone I used to know is getting afraid, afraid, afraid of getting older and every heart I love grows colder“. Die Nummer zwei „Elevator to the Gallows“ startet nach einigen Schlägen auf der Hi-Hat ganz ähnlich. Danach nimmt sich die Musik zurück und der Song lebt in den Strophen sehr vom melodischen und emotionalen Gesang und wird auch im Chorus von einer leichten und eingängigen Gitarrenmelodie begleitet. Im B-Part lässt Buddy den Emotionen in Shouts freien Lauf. Auch „New Jersey Makes, The World Takes“ lebt vor allem im sehr eingängigen Refrain sehr von Buddys Stimme („I’m not giving up today – no oh oh oh“) und scheint seinem verstorbenen Kind zu handeln („I don’t want to bury you this winter, it’s too soon“). 

Beinahe ungewöhnlich politisch geht es in den unfassbar gute Laune verbreitenden, eingängigen Pop-Punk Klängen von „Gold Jacket, Green Jacket…“ zu. Hier wird mit sehr deutlichen Worten die Kriegslegitimierung des gelobte Landes US of A und dessen Regierung kritisiert: „And when I was eighteen two planes flew into a fucking building and we’ve been at war ever since (…) Fuck the government, it’s an embarrassment“. Statt Pillen gegen die Traurigkeit zu nehmen und Fenster und Türen zu verriegeln sollen die Bürger lieber Verantwortung übernehmen und ihre Stimmen erheben. Sanftere und ruhigere Töne werden in „First Breath, Last Breath“ angeschlagen. Es kommt einem beinahe wie Slow Motion vor. Es geht um die Nahtod-Erfahrung seiner Frau und die Ohnmacht bei dem Gedanken, einen geliebten Menschen zu verlieren. Auch „Ancient Gods“ kommt eher ruhig daher. Hier wird über die Last des Lebens reflektiert, die Tatsache, dass hier niemand lebendig rauskommt und dass es andere und bessere Wege gibt, damit umzugehen als die Angst zu ersäufen – also zu trinken.

„Is It Gonna Be the Year“ startet mit einer wundervoll eingängigen Melodie und einer sing-gesprochenen Strophe mit einem Kurzabriss, was man von den scheinbar allgemein gültigen Lebens-Checklisten wie College und Haus eventuell nicht erreicht hat und dass man sich irgendwie wie ein Versager vorkommt. So viel ist passiert, man ist orientierungslos und hat so viel gelitten und fragt sich. „Is it gonna be the year that kills me, or is it gonna be the one that sets me free?“. Damit trifft es den Kern und das Herz der becoming-of-age Generation, in der sich wahrscheinlich sowohl Buddy selbst, als auch die Fans der ersten Stunde befinden. Der Wunsch, endlich anzukommen ist allgegenwärtig. Vielleicht ja endlich mal bei sich selbst.

Nach dieser sehr eingängigen Nummer kommt „You Get So Alone at Times It Just Makes Sense“ genau wie der Titel eher unbequem daher und man neigt dazu, den Titel zu skippen. Textlich geht es um den schweren Weg vom Selbsthass zur Selbstliebe. Die Umbequemlichkeit macht also durchaus Sinn. Und das immer wieder hören lohnt sich. „Orlando and Miscarriage“ erklärt sich textlich von selbst. Das Stück trägt Melancholie in sich, ist aber trotzdem straight und wie viele der Nummern auf dem Album sehr melodisch und sehr tanzbar. „Shaking Hands“ hingegen kommt sehr getragen, fast ein wenig leiernd daher. Wie bei „First Breath, Last Breath“ geht es um seine Frau und die Angst sie zu verlieren. Die Stimmung ist sehr ähnlich. Fast ein bisschen belanglos und hingeworfen kommt „Stay What You Are“ daher, auch wenn es textlich um das Erwachsenwerden und das doch endlich ankommen geht bzw. „to find the line between holding on and letting go“.

Zum guten Schluss kommt der epochale Titeltrack „If There Is Light, It Will Find You“. Sehr langsam, sehr getragen werden einzelne Töne auf der Gitarre angespielt bis die Stimme einsetzt und das Schlagzeug sie mit Halftime Drumbeat begleitet. Der Song lässt sich Zeit und baut sich wunderschön auf. Wieder steht der Gesang im Vordergrund. Erst nach über drei Minuten ertönt zum ersten Mal der Chorus, der sich später in Varianten wiederholt „if there is light, I hope it finds you“. Es geht um den Verlust geliebter Menschen und mit dem herzzerreißenden Appel „we have to love ourselves, that’s how we respect our dead“ erreicht das Stück den epochalen Höhepunkt, gefolgt vom Chorus und einem emotionalen „I’ll never forget your love“. Und so lässt der Titeltrack uns mit bewegten Herzen zurück und der großen Lust, das Album nochmal zu hören. Wieder und wieder. In Dauerschleife.

(8 / 10)

Künstler: Senses Fail
Album: If There’s A Light It Will Find You
Erscheinungstermin: 16. Februar 2018
Label: Pure Noise Records
Gesamtlänge: 44 Min.
Info: www.facebook.com/sensesfail

Tracklist:

  1. Double Cross
  2. Elevator to the Gallows
  3. New Jersey Makes, the World Takes
  4. Gold Jacket, Green Jacket…
  5. First Breath, Last Breath
  6. Ancient Gods
  7. Is It Gonna Be the Year?
  8.  You Get so Alone at Times That It Just Makes Sense
  9. Orlando and a Miscarriage
  10. Shaking Hands
  11. Stay What You Are
  12. If There Is Light It Will Find You