Martin Poptagebuch: 17.03.2018

Heute mit The Decemberists, Mount Eerie und The Skull Defekts

Habt ihr es mitbekommen? Riesen Aufregung um das neue Album der Decemberists. Die benutzen jetzt auch Synthies, ist denn der klassische Indie komplett verloren? Dabei handelt es sich doch nur um ein dezentes Soundupdate dieser elisabethanischen Darstellertruppe. Viel gewichtiger ist da schon die neue Ökonomie im Songwriting. Wo es früher ausufernde Laienstücke über in einen Kranich verwandelte Ehefrauen oder opulente Spionageromanzen gab, herrscht jetzt Verknappung. Fast so, als bekäme man eine Leseprobe eines wahrscheinlich hervorragenden Romans vorgesetzt. Aber die kompositorische Handschrift? Immer noch zu erkennen, ein wenig Folklore und viel Gespür für wehmütige aber mitreißende Melodien. Wenn man auf Neuerungen im Songwriting aus ist, wird einem eher der Glamrock von „We All Die Young“ auffallen, Gary Glitter revisited. Und einmal gehen die Decemberists noch mal den Weg der üppigen Erzählung:das Doppel aus „Rusalka, Rusalka/ The Wild Rushes“ schwelgt in Fülle und theatralischer Überspitzung. Sie können es also noch, wenn sie wollen. Die Entscheidung, im Songwriting einige Abkürzungen zu benutzen, passt aber vielleicht doch besser in unsere Zeit der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne.

Jegliche Diskussion über die musikalische Ausrichtung verbietet sich dagegen bei „Now Only“ von Mount Eerie von vornherein. Dieses Album ist ein langer One Way Dialouge von Phil Elverum an seine versorbene Frau. Der sparsame, repetitive Folk dient hier als Ventil, als nötiger Steigbügel, damit Elverum all das loswerden kann, was er seiner Frau noch sagen muss. Dies sind zutiefst persönliche Annekdoten, die niemals spektakulär erscheinen, jedoch auf die Einzigartigkeit eines jeden Menschen verweisen. Jene Annekdoten sind weder dramaturgisch aufbereitet noch in eine gefällige Form gegossen. Doch bei einer solchen Intimität sind eventuelle Längen oder eine gewisse Monotie kein Makel, sie vertiefen eher die Aufrichtigkeit dieser Kunst.. Denn dieses Album dient in erster Linie seinem Erzeuger, wir dürfen uns geehrt fühlen, überhaupt dabei zu sein. Immer wieder kehrt Elverum zu seiner Tochter und dem nun leer stehenden Haus zurück, Ankerpunkte in einer Welt, die ihm ansonsten kaum noch Halt gibt. „Now Only“ macht demütig, berührt auf völlig unsentimentale Weise, denn der Verlust wird nicht romantisiert, sondern detailliert beschrieben.

Der Abschied von The Skull Defekts aus Schweden ist da schon weniger traumatisch, wobei es doch schade ist, dass sich diese Noiserock-Größe gerade jetzt mit ihrem vorläufig letzten Album verabschiedet. Denn das Trio ist inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem sie die Wucht einer Newcomerband mit weitsichtiger Routine paart. Die Tapferkeitsmedaille dieser Platte wird dem Schlagzeug verliehen, welches stoisch und unumstößlich einen robusten Unterbau für die fräsenden und sägenden Gitarrenfiguren baut. Jene Gitarren wissen aber auch, wenn es Zeit ist, ein wenig in den Hintergrund zu treten, um der Rhythmusgruppe das Feld zu überlassen. Es entsteht Industrial ohne Mithilfe von Computern, eine apokalyptische Schussfahrt entlang der Nervenenden, wie sie einem Trent Reznor, gleichzeitig aber auch einem Thurston Moore gefallen dürfte. Wie gesagt, schade, dass sie gerade jetzt gehen….

 

bis bald

Euer Martin Makolies