Martins Poptagebuch: 14.03.2018

mit Young Fathers, Liza Anne, Anna von Hausswolff und Albert Hammond Jr.

Young Fathers - Cocoa SugarHat jemand den Young Fathers mal gesagt, dass derart viel Eklektizismus sich nicht für einen Hip Hop Act ziemt? Hat bestimmt jemand probiert, der nette Herr von der Plattenfirma vielleicht. Doch die Schotten haben das entscheidende Argument immer auf ihrer Seite: den unbezwingbaren Popsong. Umso schöner, wenn man sich die Mühe macht, diesen über interessante Umwege zu erreichen. Rap ist nicht wichtiger als der Gesang, Samples haben gleichberechtigten Wert mit “echten“ Instrumenten und überhaupt darf auf „Cocoa Sugar“ alles in jede erdenkliche Richtung seine Fühler ausstrecken, so lange es letztendlich bei einer Popgroßtat ankommt. Vielleicht nicht „real“ aber doch sehr „true“. Und ein bisschen grober Schmutz darf auch sein, hört mal „Wow“ oder „Turn“. Schön, dass die Jungs sich nicht mit eng gefassten Rollen identifizieren, zarter Schmelz steht neben avangardistischen Soundkonstrukten, Rap nimmt eine dominante Rolle ein, verkommt aber nicht zur stilistischen Endstation. Die Young Fathers wollen und können alles und denken nicht mal eine Sekunde darüber nach, ob sie auch dürfen. Diese Ellenbogenfreiheit ist erfrischend und auf elegante Art mutig.

Mehr Mut hätte man dagegen Liza Anne gewünscht. Diese hat ein Album über psychische Störungen aufgenommen, diagnostiziert dabei etliche Symptome bei sich selbst und lässt den Hörer am persönlichen Leid partizipieren. Nur ist es dann schade, wenn die seelischen Untiefen mit leicht bekömmlichem Power-Pop eingeebnet werden. Statt ein authentisches Zeugnis abzulegen, bastelt Liza Anne an einem Panini-Album der Neurosen, weite Teile der Platte können sorglos mitgeträllert werden, Eingängigkeit über Gehalt. Dass die junge Amerikanerin durchaus kompositorisch in die Tiefe gehen kann, versteckt sie ganz gut, in dem sie die aufrichtigsten Stücke in die zweite Albumhälfte verfrachtet. „Kid Gloves“ rumpelt stoisch abseits allzu platter Gefälligkeit und auch der zurückgenommene Gestus der letzten Songs lässt den Hörer intensiver teilhaben am umnachteten Treiben. Insgesamt überwiegt jedoch ein sensationsheischender Anstrich, kein Wunder, wenn das Album mit „Fine But Dying“ tituliert ist, sollte man vielleicht nicht zuvorderst mit Subtilität rechnen.

In dieser Hinsicht ist man eher bei der Schwedin Anna von Hausswolff an der richtigen Adresse. Dabei darf man aber nicht die Urgewalt verschweigen, mit der diese Musik waltet. Liza Anne, dir geht’s nicht gut? Mag sein, Anna von Hausswolff verbrennt in der Hölle. Mit dieser Vehemenz dem Irrsinn zu verfallen ist grausam, darin steckt aber auch einiges an Vitalität, fragt mal Imre Kertezs. Es ist der Wahnsinn, der Hausswolff die schwierigen Töne treffen lässt, der melodische Reigen zieht seinen Furor aus der unvermeidlichen Endlichkeit eines jeden Lebendigen. Und dazu passen auch keine geschmeidigen Synthies oder Keyboards, Anna spielt Orgel, KIRCHENORGEL! Dadurch wird ihr Alptraum fast religiös aufgeladen, ihre Exkursionen duch die Verdammnis sind episch, mitunter eine Viertelstunde lang. Wenn sich Kunst erst aus der Erkenntnis des eigenen Todeszwangs ergibt, ist dies das Guernica der Popmusik.

Nach einem solch gehörigen Maß an existentieller Involviertheit wäre etwas Locker-Leichtes jetzt genau richtig. Hey Albert, leg mal deine neue Platte auf!. Was sagst du? Sie handelt von deinem totgeborenen Zwillingsbruder? Fängst du jetzt auch mit den schweren Themen an? Na gut, lass mal hören….Das swingt aber trotzdem schön zackig, gar nicht so düster, eigentlich überhaupt nicht.Fein, diese lieben Grußbotschaften von deiner freundlichen Gitarre, Albert. Weißt du eigentlich, dass du inzwischen bessere Strokes-Alben als deine Hauptband machst? Schön variabel und immer im Dienste der ungezwungene Beweglichkeit. Man könnte fast meinen, 2003 wäre nie vorbei gewesen, na ja, echt nett, dieses „Francis Trouble“ und schön, dass du das mit den Drogen jetzt auch sein lässt.

Bis bald,

euer Martin Makolies