Martins Poptagebuch: 20.03.2018

Mit Caroline Says, Garden City Movement und The Blow

Erst vorgestern haben wir die Gemächlichkeits-Offensive von Yo La Tengo bejubelt, da kommt heute schon das nächste Ruhekissen. Wenn aber die Ruhe auf dem Album der Indiegrößen aus Hoboken von einem inneren Gleichgewicht her rührt, scheint bei Caroline Sallee mit gewissen Sedativa nachgeholfen worden zu sein. Denn die Entspannung auf ihrer Platte „No Fool Like An Old Fool“ erzeugt kein Wohlgefühl, sondern erscheint als etwas Aufgesetztes. Sallee irrt durch den Nebelwald und versucht sich zurecht zu finden, eine latente Irritation begleitet sie scheinbar stets. Ihr Gesang ist von jeder kräftigen Emotion befreit, einem blassen Abziehbild von Joan Wasser gleichend, und auch ihre Musik hält sich von den Extremen weit entfernt. Diese speist sich aus klassischem Folk in Kombination mit Beatkonstrukten, die ihr Laptop erzeugt hat. Sallee führt ihr operatives Geschäft von unterhalb der Bettdecke und sendet von dort ihre körperlosen aber auch berückend schönen Songs in eine bedrohliche Außenwelt. Dabei greift sie auf so manche kompositorische Rafinesse zurück. Wie sie in „Sweet Home Alabama“ den Sample eines alten Soulsongs in Dauerschleife rotieren lässt und damit eine regelrechtze Vintage-Spirale erzeugt, ist schon sehr gekonnt. Und auch das betäubte Uptempo von „Cool Jerk“ formuliert auf irritierende Weise den Zustand von gelähmter Nervosität. Anstatt also die Ruhe unreflektiert zu zelebrieren, wird sie als etwas Ambivalentes dargestellt und kann auch so von uns auf dieser Platte erlebt werden.

Für die nächste Band muss die gute Caroline allerdings ihren Platz in der Bettenburg räumen, denn „Apollonia“ vom Garden City Movement sieht seinen Wirkungsbereich ebenfalls im Schlafzimmer. Diese Mischung aus gemächlichem R´n`B, Neosoul und chilliger Housemusik ist die ideale Untermalung für jene sinnlichen Freuden zu zweit in einer schwülen Sommernacht. Dabei erzeugen die durchaus variablen Stilansätze ein einheitliches Knistern. Eine höchst ästhetische Romantik wird von den Israelis erschaffen. Man stellt sich fast schon grausam schöne Körper in enger Umschlingung vor, langsam tropft der Schweiß von perfekten Rundungen, niemals artet diese Musik aus, diese Band weiß genau, wie Hochglanz im Kerzenlicht funktioniert. Es ist fast ein wenig schade, dass sich dieses Album so sehr in eine einheitliche Stimmung verbeißt, die unterschiedlichen musikalischen Ansätze hätten das Zeug für eine etwas weiter gefasste Stimmungspalette hergegeben. So bleibt jedenfalls zu vermuten, dass Kinder, die zu dieser Musik gezeugt werden, wahrscheinlich von einer makellosen Schönheit sind.

Wie anders ist da das Verhältnis von eingesetzten Mitteln und erzielter Wirkung bei den beiden Damen von The Blow. Lediglich unaufgeregter Gesang, spartanische Klänge von analogen Synthies und ab und an ein paar vereinzelte Beats, das reicht, um eine große Bandbreite an Emotionen zu erzeugen. Da wird über eigenwillige Coverversionen den Romantikern The Eagles und Whitney Houston das Pathos entzogen. In „Dark Cold Magic“ wird mit glasklaren Keyboardklängen und einem unsentimentalen Gesang der eigenen Verletzlichkeit ein Schrein errichtet, ohne auch nur im Ansatz um Mitleid zu werben. Das mag eine nüchterne Herangehensweise sein, die jedoch dafür sorgt, dass der weibliche Part aus der Ecke der Schwäche tritt und einfach konstatiert, was in anderen Händen zu einem klischeebeladenen Drama aufgeplustert würde. Dass dabei die Wahrhaftigkeit der eigenen Gefühle nicht in Zweifel gezogen werden kann, ist eine große Stärke dieser rationalen Musik. An anderer Stelle treten The Blow noch aufgeklärter auf, erklären, unterlegt von cleveren, artifiziellen Beats, wie einfach eine Frau zu einem Gebrauchsgegenstand werden kann. Das mag zynisch sein, bewahrt sich aber eine giftige Menschlichkeit. Auch aus distanzierter Position kann man engagiert zu Werke gehen. So decken The Blow ein weites Feld der weiblichen Erlebnissphäre ab, lassen aber ein Hintertürchen offen für noch unzählige weitere Nuancen und Schattierungen.

Bis bald

euer Martin Makolies