Martins Poptagebuch: 21.03.2018

mit Hot Snakes, Odd Couple und Black Foxxes

Klar, dass man dem Comeback der Hot Snakes nach über einem Dutzend Jahren Funkstille mit gehöriger Freude entgegengesehen hat, steht außer Frage. Dass Rick Froberg und John Reis mit „Jericho Sirens“ gleich eine vollumfängliche Rettungsaktion für die härtere Rockmusik starten, stand jedoch nicht zu erwarten. Was für eine Offenbarung sind diese 30 Minuten Post-Punk geworden. Wo andere Bands ihre Energie zu einer stumpfen Hauruck-Aktion bündeln, greifen die Hot Snakes vielgliedrig und unheimlich agil an. Man stelle sich vor, die beiden Bandköpfe verlassen sich auf die eher klassische Trias aus Gitarre, Schlagzeug und Bass, kommen damit aber zu unglaublich angriffslustigen und dynamischen Ergebnissen. Jedes Riff, jeder Akkord und jeder Drum Beat fügen sich zu einem Mosaik der geistigen Wachheit zusammen, diese giftigen Songs erreichen dabei eine intuitive Perfektion, die mitreißt aber den Geist nicht vernebelt. „Jericho Sirens“ steht für Frische, Konstruktivität und jede Menge Energie. Die Auslöser für die Stücke mögen Wut und Verzweiflung gewesen sein, die resultierenden Songs entwickeln dagegen aber einen äußerst positiven Schwung, der von platter Fröhlichkeit jedoch weit entfernt ist. Die Hot Snakes sind sauer und deswegen produktiv. Mit einer halben Stunde Spielzeit hat dieses Album genau die richtige Länge, der ursprüngliche Drive wird bis zum Ende durchgezogen, sucht sich aber tausend verschiedenen Pfaden seinen Weg.. „Jericho Sirens“ ist gleichzeitig Schlag in die Magengrube und Aufforderung zu eigener Aktivität, ohne jemals in Plattheiten zu verfallen. Rettung geglückt.

Erfreulich unangepasst ist auch über weite Strecken das neue Album des Trios Odd Couple aus Berlin. Bis auf manche Passagen, die eine besonders unaufgeräumte Version der Queens Of The Stone Age nahe legen, ist die Musik auf „Yada Yada“ doch ziemlich aufregend. Da paart die Band zum Beispiel teutonische Robotik mit süffigem Grunge, ganz so, als ob Kraftwerk ein spontanes Konzert mit den Instrumenten von Mudhoney spielten. Überaus gelungen auch der Übertrag von Electro-Melodien und Sounds in ein schroffes Umfeld. Obendrein verpassen es Odd Couple nicht, ihren eh schon speziellen Sound mit nicht gerade nahe liegenden aber schlüssigen Zutaten anzureichern. Da findet man eine rot glühende Hammond-Orgel genauso wie feurige Bläser in Stücken, die sich nicht gerne eingrenzen lassen. Das einzige wirkliche Manko sind stellenweise die Texte: wenn vom eigenen Weg, an dem kein Weg vorbei führt oder meinem liebsten Mädel die Rede ist, zieht ein provinzieller Mief durch die Songs, der der spannenden Musik von OddCouple nicht wirklich gerecht wird.

Warum die Rockmusik überhaupt aktuell ein wenig danieder liegt, zeigt auf anschauliche Weise das zweite Album der Black Foxxes. Ähnlich wie bei diesem hier, wurde auf zu vielen Platten die selbstmitleidige Story des weißen Heteroadoleszenten in Tagebuchform erzählt. Es ist höchst langweilig, wie hier die Liebes- und Leidensgeschichte des männlichen Hauptarstellers derart kalkuliert durchchoreographiert wird, in der Absicht, die Herzen und Geldbörsen irgendwelcher Teenies zu öffnen. Mit großer Geste (Streicher!) und weinerlicher Stimme wird elegisch das Jammertal durchstritten, auf dass die holde Maid sich doch erbarmen möge und den Helden mit wahrer, ehrlicher Liebe errette. Spezialisten und Marktforscher haben nun herausgefunden, dass auf soviel peseudo alternative Sensibilität ein wenig Wut und Kampfgeist folgen müssen, die Mädels sollen ja die Gewissheit haben, dass sie trotz der Verletzlichkeit einen ganzen Kerl bekommen. Also wird ein Kajal-umrandeter Emopunk-Song ins Rennen geschickt, der ein bisschen Staub aufwirbelt, sich aber auch durch Ankerpunkte in den käsigen Popbereich genügend absichert, wir wollen ja kein Risiko eingehen. Nach einem derart durchgestylten und stromlinienförmigen Auftakt hat man als Musikliebhaber abgeschaltet und überhört zugegebenermaßen auch die wenigen Positiva. Da wären die Momente zu nennen, die nicht irgendein Leidensklischee bedienen, sondern ruhig und unangestrengt ausformuliert werden, wie in „The Big Wild“. Und „JOY“ schafft es dann immerhin glaubhaft, ein wenig ungekünstelte Wut zu verbreiten. Insgesamt bleibt diese Platte aus Island aber überflüssig und verzichtbar.

Bis bald

euer Martin Makolies