Martins Poptagebuch: 22.03.2018

mit Gundelach, Surma und Fickle Friends

Den irritierendsten Moment bei Kai Gundelachs Album erlebt der Hörer beim Blick aufs Cover. Dieses ziert ein Portät des Künstlers mit Nasenbluten. Die Musik des Norwegers hält dagegen nichts derart Beunruhigendes bereit, zeigt dabei, dass zu viel Perfektion manchmal auch abträglich ist. Denn Gundelach führt einen Slow Disco-Lehrgang in stylischer Melancholie durch, dessen glatte Oberflächen kein Ankerpunkte für ein emotionales Andocken bereitstellen. Gerade darin, dass jeder Synthiesound, ob warm und nahbar oder kühl und distanziert, aufs Akkurateste in die Songs implementiert wurde, ohne Bruch oder Irritation, liegt vielleicht der Grund, dass einen die Songs oftmals nicht wirklich berühren. Dabei laufen die Beats als Staffage im Hintergrund, begleiten die Songs eher unauffällig, als dass sie diese prägen würden. Mit so manchem Gitarrenakkord wird versucht, den Stücken etwas organische Körnigkeit zu verleihen und das passt alles auch ganz gut, eigentlich vortrefflich, sogar manche Ohrwurmmelodie hat sich eingeschlichen. Einzig, wahre Anteilnahme an dieser Musik entsteht eher selten. Wenn, dann geschieht das auf den hinteren Positionen dieser Platte. Die beiden Duette mit der Künstlerin ARY sind rundum gelungen. In „Games“ übernehmen die Beats durch festen Zugriff etwas mehr kreative Verantwortung und „Past The Building“ taucht mit sehnsuchtsvollen Synthies endlich mal so richtig ein in die Melancholie, anstatt sie nur mäßig engagiert abzubilden. Freilich gewinnen diese beiden Stücke allein durch den weiblichen Gesangspart mehr Tiefe und Emotion, Dinge, die auf weiten Teilen des Albums eine unbesetzte Leerstelle bleiben.

Bei der portugiesischen Künstlerin Surma fällt eine eindeutige Zuordung von Stimmung und Atmosphäre ungleich schwerer. Dieses Album vermittelt eine Fülle von Eindrücken, der oft gezogene Vergleich mit der isländische Grand Dame Björk verdeutlicht, dass eine klare Kategorisierung hier fehl am Platze ist. Ob analog oder digital, es wimmelt auf dieser Platte von wuseligen Sounds. Die Stücke, die oftmals das Paradox eines federleichten Dahinschleppens in sich tragen, knistern und rascheln an allen Stellen, überall ist Leben, überall passieren spannende Dinge. Einzig, dies nun fröhlich oder betrübt zu nennen, verbietet sich, denn Surma erzeugt Stücke, die sich dem menschlichen Maßstab entziehen, einer Blumenwiese würde man ja auch keine Depression attestieren. So nimmt die Natur eine mysteriöse Stellung in den Songs ein, die aber nicht menschlich interpetiert wird. Die Klänge branden auf und ab und mittendrin steckt diese Künstlerin, die auf entrückte Weise Zeugnis von ewig gültigen Prozessen ablegt.

Nach so viel Naturkunde darf es jetzt ein wenig Plastik sein? Es ist schon amüsant, wenn distinguierte Musikschreiber immer mal wieder das Präfix Indie vor diverse Popmusiken pappen, nur um ihr Vergnügen zu rechtfertigen an Songs, die doch eindeutig der Oberfläche huldigen. Neuester Kandidat in dieser Reihe sind die Fickle Friends aus UK. Deren einfache, offensive Popleckerei „You Are Someone Else“ ist nicht gerade das, was man als alternative Musik bezeichnen würde, macht aber unheimlich Spaß. Dadurch, dass die Instrumente selber eingespielt wurden, ist das Klangbild erfreulich klar und unbeschwert. Neben synthetischen Tasteninstrumenten glänzen ein kantiger aber flexibler Bass und funky E-Gitarren. Die Fickle Friends müllen sich nicht mit opulenten Studiobombast zu, erreichen eine einfache, klare Sprache und erarbeiten sich damit eine stilistische Nähe zum ersten Album von The 1975. Man wünscht sich fast, man hätte seine Teenager-Zeit mit Mainstreampop verbracht, dann könnte man das Ganze hier ironiefrei abfeiern. So bleibt aber immer noch eine gewisse Bewunderung für diese vollumfänglich zelebrierte Oberflächlichkeit, die jedoch in ihrer Naivität durchaus herzlich wirkt. Also Leute, packt die Huba Buba, das Wassereis und die Cola ein, wir machen uns auf zur Roller-Disko.

Bis bald

euer Martin Makolies