Martins Poptagebuch: 23.03.2018

mit Casey, Afterpartees und Champyons

Wenn ihr euch mal wieder ärgert, dass eure Verabredung schon eine Vierzelstunde Verspätung hat, macht euch nichts draus, die Band Casey ist satte 15 Jahre zu spät dran. Deren Depressionsrock hätte gut in die Zeit gepasst, als Bands wie Thursday Wut und Niedergeschlagenheit kontrastreich nebeneinander gesetzt haben. Die Formel bei Casey ist altbekannt,(Weh)leidender Gesang, sanft und verletzlich, trifft auf satte Growls aus der Wut-Ecke. Auf instrumentaler Ebene wechseln sich entsprechend elegische Keyboard- und Gitarrenkläne mit wuchtigen Riffs ab, das sattsam bekannte Wechselspiel aus Trauer und Aufruhr wird ohne Überraschungen durchgezogen. Damit hat „Where I Go When I´m Sleeping“ nicht wirklich die Innovation auf seiner Seite und Textstellen wie „does it help/ when I say I´m sorry“ stammen aus Emo-Tagebüchern mit hoher Druckauflage, so dass dieses Album eher was für Nostalgiker der frühen 00er Jahre ist. Spannend geht anders.

 

Wie man völlig unprätentiös die Herzen seiner Hörer erobert, zeigen hingegen die Niederländer Afterpartees. Da wird gleich mal der Songtitel „Ultimate Worriers“ mit der Textzeile „doing nothing much at all“ Lügen gestraft. Und so holterpoltert und stampft das Schlagzeug durchs Weizenfeld, die Gitarren haben Saitzen aus Stroh aufgezogen und spielen immer noch neue, herzlich-frische Melodien. Im Geiste kündigt George Harrison die Sonne an und im Hintergrund richtet sich Mungo Jerry in siener Summertime ein. Nichts müssen, dem Tag die Planung überlassen, so leicht stellen sich Afterpaertees das Leben vor und haben mit Songs wie „Lazy Come, Lazy Go“ die gemütlichen Argumente auf ihrer Seite. Diese fröhlich vibrierende Gitarrenmusik ist ein entspannter „jingle jangle morning“ für Dauergestresste. Das mag man vielleicht ein wenig eindimensional finden, ein Lächeln ob dieser sonnigen Songs muss aber selbst der größte Grieskram verstecken. So klänge der Sound von The Velvet Underground, wenn sie statt nasser New Yorker Keller öfter mal den holländischen Strand aufgesucht hätten. Ein großes Ja zu sommerlichen Aktivitäten.

Ähnlich vital, wenn auch etwas weniger offensiv, ist das Popschlaraffenland des Berliner Trios Champyons. Kunterbunt schmücken sich die Stücke mit fremden (Sample-) Federn, erhalten sich dabei aber einen originären Charakter. Vor allem die verschiedenen Formen schwarzer Musik bilden das rhythmische Grundgerüst für die Songs, welche auf der ersten Albumhälfte fast noch ein wenig zu brav erscheinen. Doch im Laufe der Platte nimmt das Selbstbewusstsein der drei Jungs zu, merkbare Zeichen dafür sind zum Beispiel der pralle Groove in „Girls On Girls“, der selbstvergessene Funk von „Living In The Movies“ oder die optimistischen Flötentöne von „Oceans“, welche auch einem grundzufriedenen Reggae-Song gut zu Gesicht ständen. Weniger gelungen ist „I´m Organic“, das Experiment in Rock erschöpft sich in einer komplettierenden Fingerübung. Und tatsächlich spielen Champyons ziemlich viel durch auf „Cha Cha Cha“, die oftmals verfremdete Kratzstimme von Sänger Kptn ist dabei genauso roter Faden, wie ein gewisser urbaner Fieberfilm, der über den Stücken liegt. Darüberhinaus gibt es an allen Ecken liebevolle Details zu entdecken, kitschige Samplestreicher aus 50er Jahre-Schmachtfetzen genauso wie ein herzliches „Mariechen, Mariechen“ zwischen all der englischen Sprache. So lässt es sich leben in der Großstadt.

Bis bald

euer Martin Makolies