Martins Poptagebuch: 26.03.2018

mit Preoccupations, Sunflower Bean und The Maghreban

Lange ist mir kein derart konsequent schwarzmalerisches Album untergekommen, wie „New Material“ von Preoccupations. Die Kanadier haben selbst zu Protokoll gegeben, dass diese Platte der Depression und dem Selbsthass gewidmet sei. Den Begriff Selbsthass muss man jedoch in den Bereich der Selbstzerstörung verlängern, um den beunruhigenden Gehalt dieser Platte wirklich zu erfassen. Denn Preoccupations gönnen ihrem Post-Punk keine weinerliche oder sentimentale Zuflucht, der Untergang wird präzise und mit monochromer Strenge durchgeführt. Wenn es darum geht, das Selbst zu sabotieren und dem Untergang anheim zu stellen, werden beängstigende Kräfte frei gesetzt. Rhythmus, Gitarrenspiel und Gesang sind ungnädig kantig, so wird das Schlagzeugspiel in „Decompose“ aus einer quertreibenden Störrigkeit recht bald in eine ungesund gerichtete Bewegung überstellt, die den Weg nach unten beschleunigt. Die lakonische Melodiösität von „New Material“ könnte mit anderem Gestus durchaus etwas Positives bergen, in diesem Zusammenhang jedoch stehen die schnittigen Songs für eine entschlossene Abfahrt in die Verneinung. Preoccupations exerzieren hier auf fast unmenschliche Art die Sabotage mentaler Sicherheiten durch und gönnen dem Hörer dabei kein sich Flüchten in eine romantisierte Schwäche.

Weniger extrem, dabei durchaus angriffslustig inszeniert Julia Cumming, Sängerin von Sunflower Bean den Einstieg in deren neues Album „Twentytwo In Blue“: „I bring you down to hell“, „I burn it to the ground“, markige Worte, gut gebrüllt; Löwin. Oder etwa doch nicht? Denn die musikalische Umsetzung entbehrt dann doch deutlich dem revoltierenden Moment. Das rockige Interieur wird mit reichlich Glam überzogen, doch eine Drohung wie „we brought you into this place, you know, we can kick you out“ versandet im hedonistischen Partyjubel. Viel gelungener sind die von vornherein ruhig angelegten Songs. Stücke wie „Only A Moment“ oder „Any Way You Like“. Diese gönnen sich ein ungewisses Zittern quer durch die komplette Instrumentierung und knüpfen wenigstens hier an die psychedelische Wandelbarkeit des Debütalbums dieser nach wie vor talentierten Band an. Die etwas halbherzigen Glitterstampfer sollte die Dreiercombo aber schnell einmotten.

Wie man das mit dem Schwung und der Frische richtig macht, zeigt Ayman Rostom, oder The Maghreban, wenn euch der Künstlername lieber ist. Dessen vielfältiges, ultrasaftiges Beatzauberwerk will sich nicht auf Stile festlegen, knabbert an unendlichen vielen Spielarten der elektronischen Musik und wird scheinbar nur von dem Gedanken getrieben: kickt das? Die Antwort ist immer ja! Zu Beginn der Platte wird dem Jazz so mancher Moment gegönnt, da klettert ein bassiges Klavier die Kellertreppe runter, das Saxophon umschmeichelt und faucht und dazu, wie gesagt, ein unheimlich bewegter Beatapparat. Afrika, die Karibik aber auch amerikanische Slums, die Tracks kennen sich aus in der Welt. Mal mit Hip Hop, mal mit akustischem Reggaeton oder auch nasskaltem Dubstep, immer findet Rostom spannende und belebende Ausdrucksmöglichkeiten für seine bewegungsfreudige Kunst. Dabei ist gerade jene Abwechslung das große Narrativ dieser unangepassten aber eingängigen Schlagwerkschau.