Martins Poptagebuch: 05.04.2018

mit Kacey Musgraves, Jean Grae& Quelle Chris, sowie the Vaccines

Der Start ins heutige Tagebuch läuft unter dem Motto „Hören, was gesund macht“. Kacey Musgraves heißt die Dame, die mit „Golden Hour“ für das Hallo Wach des Tages sorgt. Wo sich sonst Folk Musik gerne mal ins Verhuschte und Verschwommene relativiert, bleiben die Formen bei Musgraves klar umrissen. Es zerlaufen keine Flächen ineinander, die zahlreichen Details stehen in einem hochauflösenden Mosaik nebeneinander. Das Gitarrenspiel ist dabei die Grundkonstante, das heißt aber nicht, dass Dinge wie ein Discobeat oder Streicherkaskaden nicht den Weg säumen können. Man muss immer wieder die feingliedrige Produktion dieser Platte loben, die einem das Gefühl gibt, man stehe barfuß auf einer frisch gemähten Frühlingswiese und dort summt und brummt es unablässig. Das eigentliche Songmaterial ist dabei eher klassisch, „Space Cowboy“ ist eine weitläufige Romanze, die sich dem Horizont zubewegt, das eröffnende „Slow Burn“ lässt in Form von Musgraves Stimme die Sonne rein und spätestens, wenn das Schlagzeug einsetzt, nimmt der Morgen eine positive Wendung. Alles frisch also auf diesem Album, welches durch eine kernige Gesundheit glänzt, rosige Wangen und weiße Zähne haben diese Songs allesamt.

Das großartigste Albumintro des Jahres liefern dagegen Jean Grae und Quelle Chris. Eine Quizshow, die nur eine Antwort kennt, heißt einen Drogensüchtigen, eine Langzeitarbeitslose und einen Roboter aus der Zukunft willkommen. Ihre Antwort auf alle Fragen: „Everything´s fine“. Diese Auskunft zieht sich als Sinnbild für die private und gesellschaftliche Verlogenheit durch die ganze Platte. Anstatt die Probleme wirklich anzugehen, wird alles mit einem aufgesetzten Lächeln überspielt. Grae und Chris legen mit breiter Feature-Unterstützung ihre Raps über alle möglichen und unmöglichen Beattableaus, ein unangepasster Jazz führt oftmals die musikalische Regie auf einem Album, welches die Zerrissenheit einer gespaltenen Gesellschaft sehr genau aufzeigt. Dass dabei unangepasste Hits raus kommen, ist ein bemerkenswerter Side-effect. Die wichtigste Eigenschaft dieser Platte ist jedoch, dass sie sich traut, ungemütlich und widerborstig zu sein, everything isn´t fine.

Dass Dienst nach Vorschrift durchaus Freude machen kann, zeigen The Vaccines. Auf deren „Combat Sports“ befindet sich nichts, was die berühmte Class Of 2005 nicht auch in ihrer Abschlussprüfung behandelt hätte. Stürmischer, dabei cleverer Indierock, der die Mädels zum Tanzen bringen soll. Das hat durchaus Wucht und Schmiss, ist aber niemals so ernst, dass man es nicht mit einem Augenzwinkern zurücknehmen könnte, „why work hard/ when you can take it easy?“. Da kreiseln die Gitarren und das Schlagzeug schlenkert bedrohlich in der Kurve und ganz besonders die heißen Liebesschwüre hinterlassen Knutschflecke am Hals, „take me swimming naked in your eyes“. Da mag die Musik selber nicht gerade zeitlos sein, die dahintersteckende Energie ist es aber zweifellos. Man mag sich nicht an allem berauschen mögen, so ist das robotisch zackige „Nightclub“ doch ziemlich angestaubt, doch andere Sachen wie das sommerlich sprudelnde „Maybe“ gehen eigentlich immer.

 

bis bald

 

euer Martin Makolies