Martins Poptagebuch: 06.04.2018

mit Kristoffer Bolander, The Shacks und Hop Along

Heute Morgen habe ich mich erst mal mittelschwer geärgert. Was erlauben Kristoffer Bolander? Sein erstes Soloalbum abseits der Stammband war ja noch ein schön großspurig angelegtes Folkfest. Jetzt holt er sich unter anderem Synthies dazu und kommt damit bei einer aufgeblasenen Beliebigkeit an, die den anspruchsvollen Hörer bestenfalls gelangweilt zurücklässt. Merklich versucht er sich einen künstlerischen Anstrich a la Fleet Foxes, Bon Iver oder Sigur Ros zu geben. Gleichzeitig schielt er aber auf eine Massenkompatibilität eines Ed Sheeran oder James Fucking Blake. Nur leider besitzt er weder den genialischen Wagemut ersterer Bands noch die Eingängigkeit letzterer Künstler. Das führt zu weichgespülter Großmannssucht ohne bleibenden Effekt. Am ehesten werden Bilder von einem typisch skandinavischen Sommerfest auf einer nächtlichen Waldlichtung wach, wie sie sich der Pauschaltourist vorstellt. Dann aber bitte mit diesem schönen Wetterleuchten, davon habe ich eine vergrößerte Photographie( auf Leinwand gezogen) im Wohnzimmer, gerahmt vom Live Love Laugh-Wandtattoo. Am anregensten ist da noch der schaukelnde Rock mit der wimmernden E-Gitarre von „Heat“. Alles andere ist zu kalkuliert konstruiert, hier bitte den sehnsüchtigen Blick in die Ferne schweifen lassen, dort bitte ganz empathisch den Lagerfeuernachbarn bei der Hand nehmen. Die Welt ist ja so schön, der reinste Urlaub.

Aber die Stimmung steigt wieder, wenn man sich dem psychedelischen Dream Pop von The Shacks zuwendet. Die 60er sind in diesen watteweichen Stücken lebendiger denn je, beiläufig besäuselt Sängerin Shannon Wise die Songs irgendwo zwischen Schlafzimmer und sedativem Selbstexperiment. Die Gitarren geben sich handzahm, eine Orgel taucht die Stücke in warme Farben, und herrlich, diese Gesangsmelodien aus der Kuscheltierabteilung. Als Bonus wird jedoch auch mal am Tempo geschraubt wie in „Follow Me“ oder eine gewagte Bassfigur ausgepackt, siehe „Birds“. Und so wird das Treiben trotz gedrosselter Emotionen nie langweilig, im Gegenteil, im Wachtraum entdeckt man immer wieder verspielte Details, die zu einem großen Teil den Reiz dieser verspulten Platte ausmachen.

Vollends gerettet ist der Tag mit dem neuen Album von Hop Along, ist „Bark Your Head Off, Dog“ doch das perfekte Argument für klassischen Indie-Rock amerikanischer Prägung. Dabei gibt es mindestens zwei Merkmale, die dieses Album und diese Band so besonders wertvoll machen. Fangen wir mit der Stimme von Frontfrau Francis Quinlan an. Diese ist ein Weltenwanderer zwischen zarter Behutsamkeit und rauher Emotionalität. Immer wenn Quinlans Gesang in dieses eigenwillige Kratzen verfällt, weiß man, Frustration und Verzweiflung sind nicht weit. Der zweite Clou von Hop Along ist dieser Vorstadtveranda-Funk, dessen weißer Anstrich schon merklich abgeblättert ist und den die Band aus Philadelphia ähnlich Modest Mouse einsetzt, um den Stücken eine ungewohnte Dynamik zu verleihen. Einen Ruhepunkt als Gegenpol dazu bieten die urwüchsigen Folkpassagen, die immer mal wieder eingestreut werden, um die Intensität unter Kontrolle zu halten. Und so erzeugt dieses abwechslungsreiche Album vor allem Bilder: von einer muffigen Armeedecke auf der Ladefläche eines Pick-ups, von einem löchrigen Fliegengitter vor der Eingangstür oder auch einer geöffneten Cornflakespackung auf der Arbeitsplatte einer Sperrholzküche im Wohnwagen. Diesem Trailerpark-Amerika setzen Hop Along ein ungekünstletes Denkmal, der schroffe Charme dabei ist das große Vergnügen.

 

bis bald

euer Martin Makolies