Martins Poptagebuch: 19.04.2018

mit Blaudzun, Rival Consoles und Laish

Was machen wird denn jetzt mit dem neuen Album von Blaudzun, „_Up_“, welches die so genannte „Jupiter“-Triologie abschließt? Es wird immer augenfälliger, dass die Band um Frontmann Johannes Sigmond auf die große Bühne will. Das versuchen sie mit klaviergetriebenen Halbballaden zu erreichen, die ihre Rockigkeit wie ein falsches Alibi vor sich her tragen und doch ziemlich gleichgültig im Bombast versumpfen. Es kommt erschwerend hinzu, dass Sigmond dieses typische Wechselspiel aus tiefem Gesang und Falsett betreibt, die gängigste Sportübung, die Bands betreiben, die in die 15000+ Arenen wollen. Dabei gibt es auf „_UP_“ durchaus Lichtblicke. Das mit feinen Gitarrenpirouetten versehene „Juno_“ zeigt auf, wie man die große Pose mit ein wenig Intimität versehen kann und dadurch gleich viel glaubwürdiger rüberkommt. Die Synthiemelodie von „_Ghosts“ ist dagegen ein wahrer Popjackpot und steht dem Stück mit leicht flippigem Refrain mehr als gut. Es ist überhaupt so, dass vor allem die Songs funktionieren, die sich dem etwas gekünstelten Schwermut mit lockerer Hand entziehen. Da wäre zum Beispiel noch das an Arcade Fire erinnernde „Come_On“, welches sich auch in gehobener Stimmungslage deutlich wohler fühlt. „_Up_“ ist also vor allem dann gut, wenn es sich von seinem dramatischen Pathos befreit und locker für gute Laune sorgt. Und das würde auch im Stadion gut ankommen.

Mit „Persona“, seinem neuen Album als Rival Consoles, stellt Ryan Lee West für den Techno die Idnetitäsfrage. In den ersten zwei Tracks trifft man noch altbekannte Tropen des Generes, die dumpf pochende Bassdrum lässt alles wie ein enigmatisches, technoides Road Movie erscheinen, alles geht im Fluss. Doch dabei belässt es West nicht. Die Beats werden vertrackter, holen sich Ergänzungen durch analoge Percussions oder werden gleich ganz weggelassen. Das führt dann in einem Stück wie „I Think So“ zu dem Paradox des aggressiven Ambient. Generell sind es die Passagen, die mit wenigen oder gar keinen Beats auskommen, die für die meiste Spannung sorgen, da diese besonders vielschichtige Instrumentierungen aufweisen. Dadurch, dass Ryan Lee West ständig die Frage aufwirft, was Techno ist und wo diese Bezeichnung vielleicht nicht mehr zutrifft, wird man Zeuge einer unheimlich nuancierten elektronischen Musik, die sich gerne auch mal in analogen Bereichen ausproobiert.

Jetzt aber mal zu wirklich wichtigen Dingen: welche Schokoladengeschmacksrichtung mögt ihr am liebsten? Also, ich steh ziemlich auf zart-bitter. Kunststück, dass ich so gut mit „Time Elastic von den Briten Laish zurecht komme. Nur zu gerne will man sich in deren liebliche Melodien einwickeln und sich mit ihnen zudecken, doch in den Falten des Lakens sitzt dieser Stachel der Traurigkeit und piekst manchmal fies. Da trägt sogat das schwungvolle „Dance To The Rhythm“ noch ein geharnischtes Maß Melancholie in sich, dem dahintendelnden „Sand Is Shifting“ wird ein zutiefst betrübtes Klaviermotiv verpasst und in „Listening For God“ brechen die Verzweiflung und die Sehnsucht durch den Refrain recht ungehobelt herein. Mit solchen Songs hat man natürlich eine Referenzliste, die von hier bis Valencia reicht, wer bei „Time Elastic“ an die Decemberists, Belle& Sebastian oder Stars denkt, hat diese Musik richtig verstanden. Und wird dieses Album mit einem bittersüßen Seufzer in die Arme schließen.

 

bis bald

euer Martin Makolies