Martins Poptagebuch: 29.04.2018

mit GUM, Whyte Horses und International Music

Jay Watson kann scheinbar den Hals nicht voll genug bekommen. Es reicht offensichtlich nicht, Mitglied bei Tame Impala und Pond zu sein und damit eine veritable Ikone der australischen Indie-Szene abzugeben. Nein, auch mit seinem Projekt GUM will er das ganze große Ding, mindestens jedoch Schneeleoparden im Backstagebereich, die auf ihrem Rücken festgeschnallte Koks-Tabletts durch die Gegend tragen. Wie anders ist der Beginn von „The Underdog“ zu erklären? Da wabern sich herrschaftliche Synthies im Intro dramatisch in den Orbit und auch bei den ersten zwei richtigen Songs ist alles überdimensional. Der Mädelschor im Titelsong, der Killer-Bass von „S.I.A“, alles sehr hittig. Doch verlässt sich Watson ein wenig zu sehr auf diese Trademark-Ideen, den Songs fehlt es an Tiefe, sie werden schnell langweilig. Viel besser ist da der deutlich gedämpftere Mittelteil gelungen: „Serotonin“ gibt sich als chilliger Trip mit einer wunderschönen, melodischen Steigerung. Ein soft klebender Beat schleicht sich auch noch ein, aus Schweben wird Fliegen, herrlich. „After All( From The Sun) posiert dann als intergalaktische Prince-Ballade, die sich noch ein wenig Prog-Funk auflädt und „Rehearsed In A Dream“ tendelt gedankenverloren mit traumwandlerischer Melodieseligkeit am Abgrund entlang. Hier ist alles da, Variation, Tiefe, Gehalt. Nur leider schielt Watson gegen Ende der Platte wieder ein wenig zu dogmatisch zur Tanzfläche. Die Grooves mögen in der Disko zünden, für zu Hause unter den Kopfhörern ist das nichts, zu reißbrettartig geraten ihm da seine tanzbaren Turnübungen. Das macht Jay Watson wie gesagt im Mittelteil um Längen besser.

Viel zu viel Zuckerwatte und deutlich zu wenig Chili beherbergt das neue Album der Whyte Horses aus Manchester. Diese Platte ist vor allem und immer wieder süß, niedlich und ach so unschuldig. Da muss schon La Roux bei ihrem Gastauftritt ein wenig Pfeffer reinbringen, von alleine schaffen es Whyte Horses eher selten, Zunder zu legen. Es mögen noch die Ausflüge in den Dance-Bereich gefallen, „Watching TV“ und der feine „Ecstasy Song“, doch der Rest versumpft trotz recht großer Abwechslung in der Belanglosigkeit. Da gibt es mal ein wenig Gypsy Feeling, welches sich dann in Jefferson Airplane-Manier in die Tiefe stürzt, an anderer Stelle sitzt das junge Ding mit Akkordeon in der Hafenkneipe und, ach ja, einen tief über Byrds-Gitarren hängenden Geigenhimmel kann man auch noch bestaunen. Alles nett und putzig, nur zieht sich der Wunsch nirgends anzuecken durch das ganze Album „Empty Words“. Damit auch ein passender Titel, übrigens.

Letzte Woche hat die Intro anlässlich von „Fake“ von die Nerven verkündet, dass bereits jetzt das beste deutschsprachige Album des Jahres vorliege. Nun, vielleicht war das ein wenig voreilig, da „Die Besten Jahre“ von International Music da auch ein Wörtchen mitzureden hat. Diese Platte hat nämlich eine völlig ungestellte Art gefunden, Rock neu zu verhandeln. Abseits jeder szeneimmanenten Coolness kann dieses Album nämlich von sich behaupten, so manches Lieblingslied im Petto zu haben, dass Jahre des hartnäckigen Hörens überdauern wird. „Mama, Warum?“ ist so ein Ding, das Velvet Underground und den Post Punk miteinander vermählt und dabei noch nach Hymne klingt. „Cool Bleiben“ dagegen hört sich an wie eine Protopunk-Variante von Deichkind und „Du Hund“ trägt seine sämige Verzweiflung langsam entlang der Rockgeschichte. Dass sich International Music dabei jeder Mode verweigern, immer unangepasst und sperrig bleiben, ohne dass dabei der Spaß zu kurz kommt, ist der große Verdienst dieser eigenartigen aber doch sehr nahen Musik.

 

bis bald

 

euer Martin Makolies