Martins Poptagebuch: 01.05.2018

mit Speedy Ortiz, Okkervil River und Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp

„Twerp Verse“ von Speedy Ortiz hat diese ganz typische Riot Grrrl Magie. Würde man es auf die Gesangsmelodien reduzieren, es wäre ein liebliches, pop-affines Leichtgewicht. Doch kennen die vier jungen Menschen aus Massachusetts Mittel und Wege, das Szenario deftig aufzurauhen. Da wäre zum einen das gnadenlose Spiel mit dem Rhythmus. Gerne nehmen die Stücke rumpelig Fahrt auf, werden dann aber mit großem Halt auf die Strafbank beordert, wo sie ein bisschen grummeln und grollen können, bis sie wieder auf das Spielfeld dürfen. Dadurch flutschen die Stücke nicht leichtverdaulich durch, sondern hängen sich mit garstigen Widerhaken auch mal fest. Und dann wäre da noch das abgewrackte, wiederborstige Gitarrenspiel zu nennen, welches so manch zuckrigen Popanlauf ausräuchert. Diese ganzen Maßnahmen führen zu zweideutig faszinierenden Ergebnissen, in „Villain“ wird ein erdiges Ambiente in ein schwebendes Luftschloss verfrachtet, „Lean In When I Suffer“ lässt den poppigen Gesang Mitleid mit dem sich so gerade durchwurschtelnden Rhythmus haben und „Buck Me Off“ weiß nicht nur wegen seinem Gitarrensperrfeuer und den bedrohlich dräuenden Streichern zu fesseln. Also alles da, was man an Female-Rock gerade so toll finden kann.

Dass es durchaus gut ist, wenn sich eine Band weiter entwickelt, zeigt „In The Rainbow Rain“ von Okkervil River. Früher, so vor 10, 12 Jahren hätte man vorrangig einen Song wie „The Dream And The Light“ abgefeiert, eine üppig ausgerabeitete Emotionsbombe, die vor den Festivalbühnen damals für spontane Verschwesterungsszenen gesorgt hätte. Es ist fast so, als wolle Frontmann Will Sheff hier noch mal seine klassische Expertenausbildung in Emphase dokumentieren. Die Highlights bei Okkervil River liegen im Jahre 2018 aber ganz wo anders, nämlich dort, wo es Sheff und seine Kollegen unangestrengt laufen lassen. Der 80s Soft Pop von „Love Somebody“ bietet nicht nur einen Refrain, den Coldplay schon seit 15 Jahren nicht mehr so selbstverständlich hin bekommen, nein, ein anschmiegsames Saxophon funkelt auch noch wärmend im Hintergrund. Auch das mit einem gutmütigen Hippiechor und jeder Menge Country-Nestwärme ausstaffierte „Don´t Move Back To L.A.“ weiß genauso zu gefallen, wie der leichte Calypso-Touch im eröffnenden „Famous Tracheotomies“. Besonders schön gerät dieses Album, wenn es eben nicht dramtisch zugespitzt wird, sondern, wenn sich die Songs unaufgeregt entblättern, so auch im „Family Song“, dessen leicht exotische Schlafzimmerstimmung sogar eine etwas hemdsärmelige Akustikgitarre mühelos eingemeindet. Das Ungezwungene, ja, das Unerzwungene sorgt dafür, dass dieses Album als Sieger nach Hause geht.

Gewonnen hat auch die Genfer Big Band Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp mit „Sauvage Formes“. OTPMD können allein mit einem Song dieser Platte gut eingeordnet werden, nämlich mit „Betes Feroces“. Da trifft ein über Kontrabass und Marimba erzeugter African Feel auf mitteleurpäische Streicher, eine Spoken Word Passage fügt sich harmonisch ein, hitzige Bläser rufen den lateinamerikanischen Karneval aus, ehe neoanglistische E-Gitarrenarbeit das Stück weiter veredelt. Es kann also alles passieren, wichtig dabei ist, dass die Percussions alles dafür tun, dass es auch in ruhigen Momenten wuselig und umtriebig bleibt. Der vielfältige weibliche Gesang lässt unzählige Assiziationen zu, nur eine ist da die Nähe zu Mittelalter-Folkacts wie Fairport Convention in „Across The Moor“. Und wenn sich selbst diese Referenz noch vielseitig auf nordafrikanischen Gesang bezieht, bekommt man eine Ahnung, wie viele Hüllen und Inkarnationen diese Musik beheimatet. Wenn also afrikanische Polyrhythmik aus alteuropäischen Minnesang trifft, steckt diese Band dahinter.

 

bis bald

 

euer Martin Makolies