Martins Poptagebuch 02.08.2018

mit Ebony Bones, Jaye Jayle und Astronauts Etc.

Ebony Bones – Nephilim     Ebony Thomas hat mit ihren vorangegangenen Alben bereits bewiesen, dass sie Pop aufregend anders denkt. Das Konstatieren des Bankrotts ihrer britischen Heimat erledigt sie mit den Mitteln der Hochkultur. Klar, das Grundgerüst der Beats stammt aus den Spielarten diverser urbaner Electronica, doch darüber hinaus dürfen wagnerianische Orchesteropulenz und Jazz mit Big Band – Geschmäckle ordentlich Raum einnehmen. Auch Gospel – Chöre und karibische Stilmittel sind in diesen düsteren Klangteppich eingewoben. Damit ist Thomas´ Musik so vielfältig wie die britische Gesellschaft selbst, obwohl das einige alteingesessene Hetzer nicht wahrhaben wollen. Und so herrscht ein Bild der Unsicherheit: der längst nicht überwundene Rassismus, die Abwendung von Europa und ein verängstigendes Gleichgewicht aus Staatsgewalt und marodierender Großstadtkriminalität, das alles lässt Ebony Bones in ihre unheilschwangeren, manchmal apokalyptischen Songs einfließen. Sie gibt dabei die blitzumwölkte Hydra, die den Weg nach unten aufzeigt.

Jaye Jayle – No Trail And Other Unholy Paths     Was wohl der olle Django auf seinem iPod hat, wenn er mal wieder Särge durch den Matsch schleift? Na vielleicht das hier: Evan Patterson hat mit seiner Zweitband Jaye Jayle ein abgründiges, experimentelles Folk-Album eingespielt, dass wie eine Blaupause für einen musikalischen Anti-Western wirkt. Gängige Genre-Instrumente wie das Klavier und diverse Saiteninstrumente bewegen sich träge und ungehobelt durch die rauhen Panoramen dieser nächtlichen Western-Welt. Die Stücke haben eine tragische Eindringlichkeit, geben sich oftmals als ruppiges Mantra, eiskalt fahren die Kompositionen unter die wettergegerbte Haut. Und in einem abwärtsgewandten Melodien – und Motivstrudel begegnet man immer wieder ungewöhnlichen aber schlüssigen Komponenten. So bewegen sich oftmals großformatige, bedrohliche Synthieklänge durch das Setting und beweisen dabei eine extrem große Bandbreite zwischen alarmierendem Sirenengeheul und tiefgrauen Granitblöcken. In „Accepting“ darf dann sogar noch ein Alt – Saxophon auftreten, ob´s das schon im wilden Westen gegeben hat?

Astronauts Etc – Living In Symbol     Eskapistische Alben haben schon was für sich: wenn die Realität allzu arg drückt und kneift, kann so ein Trip in andere Welten ein Labsal sein. Anthony Ferraro hat deshalb aus seiner Musik alles Scharfkantige entfernt, setzt auf weich ausgepolsterte Beats, schmeichelnde Gitarrenartigkeiten und jede Menge rosa Wolken. Die Beach Boys und Gruff Rhys tauschen sich angeregt über das neueste Soft-Eis Rezept aus, gleich mehrere Songs bewerben sich für die Kophörer-Szene von „La Boom-die Fete“ und wenn der Soul auch zuerst im schwitzigen Keller-Club gesucht wird, man findet ihn dann doch letztendlich in Barry Whites Rosengarten. „Living Symbol“ schafft das Kunststück mit analogen und organischen Instrumenten kuschelig-synthetisch zu wirken, quasi der umgekehrte Weg, den Air auf ihren Mondspaziergängen zurückgelegt haben. Dass dabei recht verträglicher Pop ohne besonders zugespitzte Hooks und Refrains rauskommt, ist dabei Ehrensache. Das große Auftrumpfen überlässt Ferraro da lieber anderen, die können sich dann auch wieder mit der Wirklichkeit rumschlagen.