AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD: Eine Hymne für Michael Phelps

Noch vor wenigen Jahren hätte es fast nichts Groteskeres geben können: die ungekrönten Könige des Unkontrollierbaren halten Hof im eher konservativen Hilton in Köln, um mit den deutschen Musikjournalisten eingehend über ihr neuestes Werk „The Century Of Self“ zu sprechen. Aber …And you will know us by the Trail of Dead haben schon lange keine Gitarren, geschweige denn Hotelzimmer mehr zerlegt und so traf SMASH-MAG.com einen bemerkenswert gesprächigen Jason Reece, der gerne und ausführlich auf alle Fragen einging.

Nach einigen Hördurchgängen bekommt man das Gefühl, „The Century Of Self“ vereinigt all das, was man in den letzten zehn Jahren irgendwie an Trail Of Dead schätzen konnte und fügt es auf neue Art zusammen, war das beabsichtigt oder passierte das einfach so während der Aufnahmen?

Jason: Nun, was wir beabsichtigt haben, ist, dass es sich wie eine Band, die live spielt; anfühlen soll. Ich weiß nicht, ob wir wirklich in irgendeine bestimmte Richtung gehen wollten. Wir haben uns aber schon all unsere Alben noch mal angehört und dann angefangen Songs zu schreiben, die alle Elemente zusammen bringen. Aber vor allen Dingen ist es ein Album, von dem wir wohl sehr viel live spielen werden.

Was mir ziemlich stark aufgefallen ist, ist dass man deutlich mehr Jason Reece auf dem neuen Album hört, als auf „Worlds Apart“ und „So Divided“. Wie kommt’s?

Jason: Ja, das stimmt, ich hab einfach mehr Zeug geschrieben. Ich bin ehrlich, bei„So Divided“ war ich nicht so involviert, wie ich es gerne gehabt hätte.( der Musiker der Hotel-Bar fängt an Piano zu spielen) Oh, hör mal, das wird der Soundtrack für das Interview. Nun gut, aber bei diesem Album hat es sich einfach gut angefühlt, mehr dafür zu schreiben.

Etwas ziemlich Ungewohntes ist der Song „Luna Park“. Du singst mit weicher Stimme, der Song ist fast so etwas wie eine Ballade. Erzähl doch einfach mal etwas darüber.

Jason: Bei „Luna Park“ schwebte mir etwas Kontemplatives, Ruhiges vor. Es sollte sich anhören, wie der ruhige Moment, nachdem dir die Fresse poliert wurde oder nach dem Sturm über der See, wenn das Wasser wieder glatt ist und die Sonne rauskommt. Es ist ein bisschen hymnenhaft und wichtig sind mir auch die Lyrics. Es ist eine kleine Geschichte über jemanden, der etwas zerstört und dann wieder aufbaut und immer so weiter macht. Es gab da in New York diesen Luna Park, der dreimal durch Brandstiftung niedergebrannt wurde und immer wieder aufgebaut wurde. Dieser Park lag am Wasser und mir schwebte das Bild von diesem massiven Feuer vor Augen, das man vom Strand aus beobachtet.

Wo du vorhin davon sprachst, dass „The Century Of self“ mehr nach Bandalbum klingen soll: Auf „So Devided“ hatte man das Gefühl, dass die Stile von Conrad und dir eher nebeneinander her laufen. Auf dem neuen Album ist das jetzt alles mehr verwoben, zum Beispiel „Ascending“…

Jason: Das war ein Experiment, ich hatte die Idee, mehr punkmäßig die Strophe zu singen und Conrad singt immer wieder dieselbe Melodie darüber und so hört sich das dann schon ziemlich verwoben an.

Wenn man sich heute von euch noch mal ein Konzert von meinetwegen 2001 anschaut, fallen einem schon ziemliche Unterschiede zu den heutigen Konzerten auf. Wie, denkst du, habt ihr euch als live Band verändert?

Jason: 2001 waren wir einfach vier Jungs, die sehr eingeschworen aufeinander waren. Als unser Bassist Neil die Band verließ, hat das ziemlich viel durcheinander gebracht. Das war der Punkt, an dem wir unsere Band neu durchdacht haben und es kamen dann Ideen wie: „Hey, wir sollten zwei Schlagzeuge benutzen.“ Und wir spielten dann mit jeder Menge verschiedenen Leuten, die dann auch auf den Alben mitmachten. Auf „The Century Of Self“ sind jetzt aber die Leute zu hören, mit den wir die letzten anderthalb Jahre gespielt haben. Es fühlt sich durch das Touren mit ihnen durch Europa und Amerika wieder wie eine enge Einheit an. Aber auf der anderen Seite ist an dem Album besonders, dass viele Leute einfach im Studio vorbeigeschaut und mitgemacht haben, es war wie ein offenes Casting. Nach dem Motto: „Ey, willst du auf unserem neuen Album sein?“ Das ist der größte Spaß.

Wenn du Trail of Dead selbst beurteilen müsstest, was ist das Besondere, was euch von anderen Bands abhebt?

Jason: Wo ich schon denke, dass wir besonders sind, ist, dass wir recht freigeistig an unsere Musik rangehen und keine Genre-Grenzen kennen. Nun, bei manchen anderen zeitgenössischen Indiebands ist das interessant, wenn man da Musiker von anderen Bands trifft, sehen die alles sehr eng gefasst und sind zufrieden mit dem, was sie haben, mit ihrer Nische. Wir gehen gerne Risiken ein und sehen dann, was passiert. Das hat viel mit der Art zu tun, wie wir aufgewachsen sind. Ich hatte nicht diese typische amerikanische Vorstadtjugend, ziemlich unterschiedlich zu dem, wie Leute, die ich kenne, aufgewachsen sind. Ich lebte in einem Regenwald auf Hawaii, keine Elektrizität, ich ging jagen, pflanzte mein eigenes Essen an, wir waren eine Art Hippie-Familie. Es gab keine festen Straßen und mein Nachbar wohnte zwei Meilen entfernt.

Ist es dann nicht irritierend, jetzt ein solches Nomaden-Leben zu führen?

Jason: Nun, so zu leben, wie ich es getan hab, ist für eine Weile cool und ich möchte das auch nicht missen, aber wie jeder Jugendliche, der in ernsthaften Kontakt zur Musik kommt, wollte ich Shows sehen, rumkommen, neue Leute kennen lernen, einfach ein Teil der Welt sein. Weißt du, auf Hawaii gab es eine sehr ausgeprägte Dorfmentalität und ich hab schnell gelernt zu kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes, jeden Tag gab es Prügeleien. Die ganzen aufgestauten negativen Gefühle und die Wut aus dieser gewalttätigen Zeit konnte ich dann in etwas Positives, die Musik, reinstecken.

Als ihr letztes Jahr in Düsseldorf das erste Mal in Deutschland „Bells Of Creation“ gespielt habt, meinte jemand im Publikum: „Jetzt haben Trail Of Dead ihr eigenes ‚Stairway to Heaven’.“ Kannst du dich mit so einer Aussage anfreunden?

Jason (lacht): Das ist witzig, der Song ist noch sehr neu für uns. Aber was ich an ihm mag, ist, dass er sich wie ein Schneeball, der den Berg runterrollt, entwickelt. Er startet eher ruhig und legt dann an Tempo und Umfang zu. Und wenn wir diesen Song spielen, fühlt er sich sehr natürlich für uns an.

Ein weiterer besonderer Song auf dem neuen Album ist „Fields Of Coal“. Untypisch, weil er schon ein fast klassischer Rock-Song ist…

Jason: Ja, das ist ein Song, den man unter Männern in der Kneipe bei einem Bier mitgrölen kann. Während der Sommer-Olympiade in Peking hatte ich die spaßige Idee, wir sollten eine Hymne für Michael Phelps machen, die dann laufen konnte, wenn er wieder gewonnen hatte. Ich mag Bands wie U2, die große Hymnen schreiben. So was wollte ich hier auch machen.

Info: www.trailofdead.com

(Martin Makolies)