ALKALINE TRIO: „Liebe ist eine Droge“

Eigenes Label, neue Platte und alter Sound. Alkaline Trio besinnen sich mit „This Addiction“ auf ihre alten Stärken, lassen das bombastische und orchestral wirkende „Agony & Irony“ Album hinter sich und wollen sich mit dem neusten Output zwischen ihren Meisterwerken „Good Mourning“ und „Crimson“ reihen. Wir trafen einen ausgelassenen Frontmann Matt Skiba zum Interview.

Überraschend bei eurem neuen Album ist, dass ihr mit „Heart & Skull“ ein eigenes Label gegründet habt. Was hat euch dazu bewegt?

Matt: Wir wollten die komplette Kontrolle über unser Produkt, unsere Musik, einfach alles. Wir haben uns bei Independents Labels in der Vergangenheit immer sehr wohl gefühlt, aber damals hatten wir noch einen gewissen Einfluss aufs Geschäft. Was sich bei Epic Records ziemlich beschränkte. Okay, die Leute die uns damals signten waren Fans von uns. Die mochten unsere Musik und wir kamen auch gut mit ihnen klar. Wir wussten worauf wir uns mit Epic Records eingelassen haben. Aber als die Leute, die für uns zuständig waren,  nicht mehr da arbeiteten, wurde es schwer und eine weitere Zusammenarbeit machte keinen Sinn. Wir sind froh, wieder Indie zu sein. Keine Verträge über die Verwendung unserer Songs, keiner der einem sagt, wie die Songs zu klingen haben. Perfekt.

In den Staaten habt ihr ein Joint Venture mit Epitaph, die euer Label unter die Fittiche genommen haben.

Matt: Brett ist wirklich ein sehr guter Freund von uns und wir sind seit unserer Jugend natürlich alle riesige Bad Religion Fans. Bad Religion waren immer ein Vorbild für uns. Nicht musikalisch, sondern wie sie ihren Weg über all die Jahre gegangen sind. Aber auch Rancid oder Social Distortion zähle ich ebenfalls zu den Bands, die wir als unser Vorbilder betrachten. „They stay true“ –  zu dem was sie sind und haben, über all die Jahre hinweg, eine riesige und treue Fanbase. Es gibt keinen, der diese Bands scheiße findet, jeder findet sie cool und wir wollen als Band genauso sein. Epitaph ist für unser Label ebenfalls ein Vorbild und wir wollen den gleichen Weg gehen. Das wusste Brett und er nahm sich unserer Sache an und hilft uns nun dabei. Er sagte uns, dass wir alle Entscheidungen allein treffen können, die meiste Kohle bei uns behalten und er einfach froh sei, wenn er uns helfen könnte. Er ist halt auch ein großer Fan von uns und wir vertrauen ihm sehr.

In Europa kommt das Album aber über Hassle Records als Partner raus.

Matt: Richtig. Wir haben bereits in der Vergangenheit mit Hassle Records gearbeitet und wir mögen dieses Label und die Leute, die da soviel Herzblut rein stecken. Vertrauen ist die Basis, dass sich eine Band wohlfühlt bei einem Label. Dieses Gefühl haben wir und deshalb die Entscheidung, dass „This Addiction“ in Europa über Hassle veröffentlicht wird.

Als Labelbesitzer könnt ihr natürlich auch Bands unter Vertrag nehmen. Was für Bands würdest du denn gerne für Heart & Skull signen?

Matt: Sich jetzt darüber Gedanken zu machen ist definitiv verfrüht. Momentan konzentrieren wir uns voll und ganz auf unsere eigene Platte. Ich bin ja auch in erster Linie Musiker, möchte Platten veröffentlichen, Songs schreiben und produzieren. Mit „Heart & Skull“  fangen wir langsam an.

Das neue Album beginnt mit „you hit me just like heroin – i feel you coursing through my veins”. Weiter im Text von “This Addiction” heißt es “well those others were like methadone -i took to get me through the day”. Du verwendest Heroin und Metadon als Metaphern für die Liebe. Warum?

Matt: Ich denke, dass der Rauschzustand bei Heroin oder Metadon ähnlich dem ist, als ob man über beide Ohren total verliebt ist. Man fällt diesem Zustand einfach zum Opfer. Liebe ist eine Droge. Heroin ist für viele eine Liebe. Die Suche nach Glück treibt halt immer voran. Ich hab selbst mal Heroin probiert, aber muss glücklicherweise sagen, dass ich es nicht mag und es mich nicht in die Sucht trieb. Ich kenne viele Leute, die dran krepiert sind und ich kannte welche, die sich dann aus Liebeskummer das Leben nahmen. Ich sehe da parallelen und deshalb passt es, dass man diese Drogen als Metaphern für die Liebe verwendet.

Was hat dich bewegt, den Song „American Scream“ zu schreiben?

Matt: Ich habe einen Artikel über einen Irak-Veteran gelesen, der sich am Grabe seiner Mutter eine Kugel in den Kopf schoss. Ich fand es sehr tragisch und diese Geschichte hat mich sehr berührt. Es ist kein Anti-Kriegs Song, sondern eher ein Song über die Rückkehrer, die nicht mehr so sind, wie sie mal waren. Die Soldaten haben grausame Bilder gesehen, teilweise Menschen erschossen, wurden beschossen und sahen ihre Freunde sterben. Unser Land hat aus der Geschichte eigentlich nichts gelernt. Denn schon damals im Vietnam Krieg wurden soviel Rührkehrer einfach alleingelassen, die keinen Ausweg und auch keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen.

Kannst du Suizid nachvollziehen?

Matt: Ja, absolut. Sicherlich kann man einen Suizid als egoistische und feige Tat bezeichnen.  Darüber hinaus wird so was von der Gesellschaft als Schwäche abgestempelt. In meiner Jugend hat sich ein Freund von mir das Leben genommen, was mich damals ziemlich durcheinander brachte. Wir wissen einfach nicht wie hart das Leben für denjenigen war, der nur diesen Ausweg sah, können uns da auch nicht wirklich hineinversetzen.  Grundsätzlich denke ich, dass niemand sterben möchte. Das Leben ist eine einmalige Sache, die man genießen sollte. Ich selbst würde Suizid für mich komplett ausschließen. Man muss seinem eigenen Leben die Chance geben. Aber was, wenn man es einfach nicht aushält?

Was steckt hinter dem Song „Dine, Dine My Darling“?  Vom Titel her, lehnt sich der Track doch an den Misfits Klassiker „Die, Die My Darling“.

Matt: Oh, der Song ist von Dan. Ich rufe ihn mal. Dan, komm mal bitter her und beantworte mal eben die Frage.

Dan: Das ist relativ einfach gesagt. Dieser Song ist einem sehr guten Freund von mit gewidmet, der leider vor ein paar Jahren gestorben ist. Ich möchte mich auf diese Weise von ihm verabschieden und da er riesiger Misfits Fans war, habe ich es von „Die Die My Darling abgeleitet.

Ihr habt die neuen Songs auf der letzten Tour zwischen Soundcheck, Essen und Auftritt geschrieben. Wie war diese Erfahrung, auf diese Weise so miteinander auf ein neues Album hinzuarbeiten?

Matt: Ja, es stimmt. Wir haben unsere gemeinsame Zeit so gut wie möglich genutzt. Anstelle sie  einfach tatenlos verstreichen zu lassen, haben wir halt angefangen unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Wir wohnen ja alle in unterschiedlichen Gegenden und es machte einfach mehr Spaß, als wenn wir alleine in unserem Kämmerlein sitzen, etwas einspielen und es den anderen dann per E-Mail zu kommen zu lassen.

Du lebst weiterhin in Kalifornien?

Matt: Ja, ich lebe immer noch da, Dan in Florida und Derek in Chicago. Deshalb war es echt cool, auf Tour unsere Zeit damit zu verbringen, neue Songs zu schreiben und direkt einzuspielen. Das hatte auch den immensen Vorteil, dass wir uns bei den neuen Songs nur auf das Material und Equipment beziehen konnten, was auf der Bühne stand. Keine Samples, kein Electro und kein Keyboard. Somit konnten wir auch einige Songs bereits damals schon live vorspielen und testen. Das war halt richtiger Punk. Und die bisherigen Reaktionen stärken uns bei dieser Entscheidung, es so gemacht zu haben.

Wann kommt ihr wieder auf Tour?

Matt: Im Mai werden wir wohl wieder auf Tour sein. Ich glaube in Berlin, Hamburg und Köln werden wir noch einmal spielen.

Jetzt habt ihr „This Addiction“ auf der letzten Tour geschrieben. Wir wird es denn beim nächsten Album sein, werdet ihr es genauso machen? Habt ihr darüber schon nachgedacht?

Matt: Ja, wir werden es genauso machen. Wenn wir auf Tour gehen, werden wir wohl schon gemeinsam die neuen Tracks schreiben.

Info: www.alkalinetrio.com

(Markus Tils)