VITO: „Was von uns zurückbleibt, wenn wir verschwunden sind“

Vito aus Wales machen Post-Rock, nichts besonderes an sich. Nach dem Hören von „Monument“, dem aktuellen Output des Fünfers, kann diese Einschätzung so jedoch nicht mehr gehalten werden. Subtil verweben Vito prachtvolle Klangteppiche mit Feinheiten des Indie-Rock Songwritings und schenken dem Hörer so ein vielschichtiges Hörerlebnis. Smash-Mag bot sich die Gelegenheit zu einem E-mail Interview mit den Machern von „Monument“, klar das wir da nicht lange gefackelt haben.

Hört man euer aktuelles Album „Monument“, entsteht der Eindruck emotionaler Ambivalenz. Auf der einen Seite gibt es Momente erleichterten Ausatmens, andererseits schwingt da auch immer ein wenig die Trauer über verpasste Chancen mit. Welche Art von Gefühlen sollten ursprünglich mit „Monument“ transportiert werden?

Vito: Zu der Sache mit der emotionalen Ambivalenz: Mit fünf verschiedenen Leuten in einer Band und damit auch fünf verschiedenen Persönlichkeiten wird zwangsläufig alles was wir machen verschiedene Facetten aufzeigen und unterschiedliche Emotionen widerspiegeln. Die Hauptabsicht bei „Monument“ war es, die Qualität des Songwritings, die den Songs zugrunde liegende Struktur und die Gedanken, die hinter den Songs stecken, beim Hörer ankommen zu lassen. Was der Hörer dann da rein interpretiert, ist seine Sache. „Monument“ ist schon ein Konzeptalbum, jedoch keines mit fester Geschichte oder erzählerischem Überbau. „Monument“ beschäftigt sich mit dem, was von uns zurückbleibt, wenn wir verschwunden sind. Das kann ein Eindruck auf jemand anderen sein, oder eine Erinnerung, die ein anderer mit uns verbindet Dieser Eindruck oder diese Erinnerung kann dann groß oder klein, positiv oder negativ sein. Wir waren uns während der Aufnahmen sehr bewusst, dass wir vielleicht nie mehr die Chance bekommen werden, ein solches Album aufzunehmen. Also sollte „Monument“ so großartig wie nur irgend möglich werden. Dieses Ziel war quasi der Ausgangspunkt für das oben beschriebene Konzept des Albums. Wir hoffen, dass das die Leute raushören können und merken, dass wie viel von uns in „Monument“ rein gesteckt haben.

Der Opener „Reclaimed!“ hört sich für mich ein wenig wie die Abspann-Musik eines Filmes an, das Ende sozusagen am Anfang des Albums. Könntet ihr bitte etwas zu den künstlerischen Möglichkeiten sagen, die im Erstellen einer Track-Reihenfolge liegen?

Vito: Das Editieren einer Track-Reihenfolge ist immer der grausamste Akt bei der Endstehung des Albums, besonders bei Musik, wie wir sie machen. Was vielleicht als Live-Set gut funktioniert, muss nicht als Setliste fürs Album funktionieren. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass uns viele Leute nicht kennen, also stellen wir einen Song wie „Reclaimed!“ an den Anfang des Albums, so dass die Leute direkt in einem Song einen Eindruck aller Facetten unserer Musik bekommen, davon abgesehen ist es einfach ein guter Song. Im weiteren Verlauf des Albums wird dann diversifiziert. Das Album soll als gesamtheitliche Arbeit, anstatt als Kollektion einzelner Songs betrachtet werden. Um noch einmal auf „Reclaimed!“ zu sprechen zu kommen: Wir haben in diesem Song immer die perfekte Untermalung für die Highlightfilme einer Fußball-Weltmeisterschaft gesehen, wo alle Szenen in Zeitlupe abgespielt werden. Also, wenn das jetzt eine Fernsehanstalt liest, meldet euch bei uns, wenn ihr diesen oder einen anderen unserer Songs für solche Zwecke verwenden wollt 😉

Gesang ist eines von vielen stilistischen Mitteln auf „Monument“, welche Funktion übernimmt dieser für das Album?

Vito: Wir haben den Gesang absichtlich weggelassen, bis wir die Musik fertig geschrieben haben. Erst dann haben wir entschieden, welche Songs Gesang benötigen und welche perfekt sind, so wie sie waren. Das haben wir gemacht, damit die Songs sich frei entfalten konnten, unbeeinflusst durch Zwänge, die sich aus irgendwelchen lyrischen Strukturen ergeben hätten. Wir wollten auch genug Zeit fürs Texte schreiben haben, eine Sache, die auf diesem Album gemeinschaftlich von statten ging. Ein Resultat dieser Herangehensweise war, dass wir uns zwischen zwei Extrempunkten bewegen konnten, die da wären: entweder kein Song bekommt Lyrics oder alle Songs bekommen Texte. Es hätte also durchaus ein reines Instrumentalalbum werden können aber im Endeffekt ist das Verhältnis ungefähr fifty fifty. Wie dem auch sei, wir haben den Gesang als weiteres Instrument behandelt, dieser sollte integraler Bestandteil der Songs sein und nicht nur oben drauf gesetzt.

Mit allem, wofür „Monument“ steht: Gibt es Künstler, und ich meine jetzt ausdrücklich nicht Musiker, denen ihr euch mit eurem neuen Album verbunden fühlt?

Vito: Da gibt es jetzt keine speziellen Künstler, die einem einfallen würden, wir wollten einfach nur ein Album machen, auf das wir stolz sein können. Hier in Cardiff sind wir allerdings von vielen unabhängigen Musikern, Autoren und anderen Künstlern umgeben. Wir fühlen uns mit der Energie, die ein solcher Ort hervorbringt, verbunden aber nicht zu irgendwelchen Künstlern im Speziellen.

Bands, denen man gemeinhin das Label Post-Rock verpasst, spielen oftmals mit dem Kontrast von laut und leise. Ihr macht, wie mir scheint, auf ziemlich subtile Weise. Wie geht ihr in eurem Songwriting mit verschiedenen Graden musikalischer Intensität um?

Vito: Wir waren uns der dynamischen Eigenarten von Post-Rock sehr bewusst und haben diese als Thema und Herausforderung angesehen. Ja, es gibt auf „Monument“ noch ein oder zwei Songs, die das leise/laut- Spiel betreiben, diese Entscheidung haben wir jedoch mit voller Absicht getroffen. Wir spielen aber auch damit, es gibt sowohl Songs, die laut anfangen und leise aufhören, als auch Songs, die sich fließend innerhalb dieser Extreme bewegen. Die Dinge in einem konstanten Fluss zu halten, war im Übrigen sehr wichtig für uns. Während des Schreibprozesses zu unserem ersten Album haben wir gelernt, dass man sehr laut und intensiv sein kann, ohne dafür den Verzerrer einschalten zu müssen. Wir hoffen, dass die Hörer die feinen Nuancen diesbezüglich genießen werden, da diese Dynamik für uns eine Hauptbedeutung in unserer Musik einnimmt.

Wenn „Monument“ eine Landschaft wäre, wie sähe diese aus?

Vito: Schau mal aufs Albumcover.

Letzte Frage: Nachdem „Monument“ jetzt seit einigen Wochen draußen ist, seid ihr zufrieden mit der Reaktion von Seiten der Hörer und der Presse?

Vito: Wir sind eigentlich immer zufrieden mit Reaktionen jeglicher Art. Wir sind dankbar dafür, wenn sich Leute überhaupt die Zeit genommen haben, unsere Sachen zu hören, ob sie diese dann letztendlich mögen oder nicht, spielt da nicht die entscheidende Rolle. Die schönsten Rückmeldungen bekommen wir eigentlich auf unseren Konzerten. In Großbritannien sind die Reaktionen vielleicht ein wenig zurückhaltender, auf dem europäischen Festland jedoch scheinen die Leute kein großes Problem damit zu haben, auszudrücken, was sie für etwas, in diesem Fall unsere Musik, empfinden. Und daraus ergibt sich dann das schönste Feedback. Und manchmal sagen die Handlungen einzelner Menschen noch viel mehr aus. Wir haben letzte Woche in Gent/Belgien gespielt und einige Leute sind extra zwei Stunden angereist, nur weil sie uns vier Jahre vorher schon mal live gesehen haben. Oder der Typ, der extra zu einem Album-Release gig aus Dublin nach Cardiff angereist ist, und das an einem Wochenende, wo aufgrund eines Rugby Matches die Hotelzimmer extrem teuer waren. Das ist unglaublich.

Info: www.myspace.com/vitotheband

(Martin Makolies)