SCHÖFTLAND: Ganz neue Perspektiven

Schöftland hat nichts mit der Aargauer Provinz zu tun und obwohl die Indie-Rock Band aus Bern stammt auch nichts mit Berner Mundart. Schöftland singt Hochdeutsch und veröffentlichte im April  2010 mit „Der Schein trügt“ den ersten Longplayer auch in Deutschland. Schöftland berührt mit seinen poetischen Texten in deutscher Schriftsprache bei denen regelmäßig die Welt unter geht und trotzdem weiterhin die Zuversicht überwiegt. Es geht um die Ruhe nach dem Sturm. Es geht um Menschen und das Dazwischen. „Der Schein trügt“ ist ein Erweckungserlebnis für alle, die deutschsprachige Musik am liebsten in der Nachbarschaft von Element of Crime und Kante verortet wissen wollen. Im Email-Interview beantwortet Sänger Floh von Grüningen unsere Fragen.

Normalerweise verbieten sich ja Fragen nach dem Bandnamen, aber mir scheint die Sache hier in einem größeren Kontext interessant. In eurem Bandnamen steckt ja gleichzeitig etwas Provinzielles(der tatsächliche Ort) und die Vorstellung von etwas Mächtigem, Großen(der Begriff Land). Lässt sich das auch auf eure Musik übertragen, so nach dem Motto: universelle Themen mit Erdung im Alltag?

Floh von Grüningen: Das Motto können wir gerne so gelten lassen. Und dazu kommt ja, dass der Schein überall trügt. Das  provinzielle steht immer in einem grösseren Kontext und das mächtige Grosse ist schlussendlich unwichtig klein. “Schöftland“ klingt auch für Schweizer unbekannt und fremd, aber gleichzeitig hat man das Gefühl den Namen schon mal gehört zu haben. Das gefällt uns daran.

Bei „Blaulicht“ kommt die Haltung des Nicht Einsehens stark zur Geltung, ein auffälliges Abwenden von dem Wunsch nach Einverständnis, wie man ihn in deutschsprachigen Songs oft vernimmt. War das in diesem Song ein bewusstes Nein zu Versöhnung und Empathie?

Floh von Grüningen: Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, der Versöhnung und Empathie grosse Bedeutung beimisst. In meinen Liedern solls aber um andere Dinge gehen. „Blaulicht“ ist eher ein Nein zum vorbestimmten Schicksal. Auch wenn wir gegen den Tod nicht ankommen, heisst das noch nicht, dass wir auch sonst alles hinnehmen müssen, das so vorbestimmt scheint.

Der Titeltrack bezieht sich vordergründig auf die Scheinhaftigkeit des  Kunstbetriebes(Musik Theater, etc). Denkt ihr nicht auch, dass dies inzwischen eine Krankheit ist, die von der Scheinwelt Bühne ins richtige, alltägliche Leben übergegriffen hat?

Floh von Grüningen: Das Lied habe ich vor allem auch als Reaktion auf die ganze Myspace- und Facebook-Hysterie geschrieben. Es geht nur darum sich anzufreunden und sich gutzufinden, weil man will, dass die andern einen selber gut finden usw. Alles nur Schein bis zur Selbstverleugnung. Das kann man bestimmt als Krankheit bezeichnen, die ins richtige Leben übergegriffen hat. Es geht nur um Werbung in eigener Sache.

Im Vorfeld zur Veröffentlichung von „der Schein trügt“ habt ihr einen besonderen Weg bestritten. Anstatt ein oder zwei Videos abzudrehen, habt ihr zu jedem Song einen kurzen Clip gedreht, der sich auf die jeweilige Thematik bezieht und ihn auf youtube veröffentlicht. Erzählt doch etwas zu dem Konzept dahinter.

Floh von Grüningen: Was Bands in Interviews zu ihren Alben erzählen, ist häufig ungefähr so interessant wie die Fussballerinterviews nach dem Spiel. Erstens wollten wir andere Leute auf unsere Lieder aufmerksam machen und zweitens wollten wir die Assoziationen, die die Lieder auslösen noch etwas weiter wachsen lassen. Wir waren richtig gespannt darauf, wie andere, auch fremde Leute, die unsere Musik vor dem Interview nicht kannten, unsere Lieder verstehen. Und nach den ersten Videos merkten wir, dass es auch sonst extrem spannend ist, die Leute von ihrem Spezialgebiet erzählen zu lassen oder einen speziellen Ort aufzusuchen. Fragt man eine Hobbyastronomin, eine Schauspielerin, Fluglotsen oder einen Fussballer was sie von Schöftland halten, ergibt das plötzlich ganz neue Perspektiven. Leider hat der Atem nicht für alle zehn Lieder gereicht. Ein Video fehlt noch. Und eigentlich hätten wir auch noch hochdeutsche Untertitel einfügen wollen…

Bei euch lässt sich Text und Musik nur schwerlich getrennt denken. Wie läuft da das Songwriting ab? Was ist zuerst da?

Floh von Grüningen: Meist entstehen Text- und Musikskizzen parallel. Ich komm dann mit einem Lied in die Probe und zusammen wird am Arrangement gebaut. Der Text wird aber meistens vor der Musik fertig.

Ihr habt auf „der Schein trügt“ mit zwei bekannten deutschen Künstlern zusammengearbeitet, Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch, ehemals Fink. Waren das Wunschpartner für die jeweiligen Songs oder eher sympathische Zufallsbekanntschaften, die man dann gerne ins studio mitgenommen hat?

Floh von Grüningen: Beides. Wunschpartner fürs Album. Bei der Songauswahl hat dann aber auch der Zufall mitgespielt.

„Liebesbrief“ mit der Textzeile „Liebe auf ewig/ wo bleibt da die Poesie?“ wirkt auf mich ein wenig wie der abgeklärte, leicht zynische Kommentar zu „Blaulicht“ oder noch stärker „Komet“ , wie seht ihr diese Songs im Bezug zueinander?

Floh von Grüningen: Auch hier ist einiges Schein. Die Strophen bei „Liebesbrief“ sind für mich eher so die Formulierung der Leute, die nicht daran glaub, dass es die lange Liebe gibt. Ich bin da selber zuversichtlicher und  will mit dem Lied die etwas aus der Mode geratene, uncoole Liebe auf Ewig verteidigen. Auch wenn es nicht einfach ist, den Zauber nicht zu brechen.
“Komet“ gehört bestimmt in die gleiche Kategorie. „Blaulicht“ ist aber ein Lied über den Tod und nicht über das Ende einer Beziehung und gehört somit eher zu „Niemandsland“.

Abschließende Frage: gibt es ein Album, welches ihr gerne geschrieben hättet, wo ihr neidisch seid, dass es nicht von euch kommt?

Floh von Grüningen: Da gäbe es sehr viele zu erwähnen. Jeder Schöftländer würde wohl ein anderes wählen und ich kann mich nicht entscheiden. Aber von Radiohead, Sigur Ros, Wilco, Tom Waits, Björk und den ersten vier Eels Alben wären mir alle recht, wenn sie von uns gekommen wären.

Info: www.schoeftland.com

(Martin Makolies)