BONAPARTE: „Zeit für neue Impulse“

Ein Bonaparte Konzert ist immer ein Ereignis – vor allem aber, wenn man sie zum ersten Mal live sieht. Wie ein Sturm bläst Dir die Musik entgegen, die visuelle Seite macht die Show zudem zu einem Ereignis für die Sinne. Mit „Sorry We’re Open“ hat die Band um das Schweizer Multi-Talent Tobias Jundt ihr drittes Album veröffentlicht  und damit der Welt ein weiteres Stück Trash-Punk – ohne Netz und doppelten Boden-  zur Verfügung gestellt. Bonaparte sind anders und das macht sie in dieser monotonen Musiklandschaft so einzigartig. Wir sprachen in Köln mit Frontmann Tobias Jundt.

Wie kommt man auf die Idee, seine Katzen Stravinsky und Minski zu nennen?

(lacht) Das ist jetzt wirklich eine Frage, die mir noch nie einer gestellt hat. Krass, woher weißt du das? Liegt es an dem neuen Bonaparte Fotobuch, das beim Minski & Stravinsky Publishing Verlag erschienen ist?

Nein! Ich wusste gar nicht, dass ihr jetzt ein Fotobuch veröffentlicht habt.

Meine Katzen sind halt meine größten Kritiker. Je nach dem wie die miauen weiß ich, ob es ein Hit wird oder nicht. Deshalb habe ich meinen Verlag nach den beiden benannt. Soweit geht mein Vertrauen in die Tierwelt. Aber warum ich die beiden Minski und Strawinsky genannt habe…ich weiß es nicht mehr.

Liegt es daran, dass dich Nikolai Minski und Igor Strawinsky auf eine Gewisse Art und Weise fasziniert haben?

Strawinsky war schon ein sehr innovativer Zeitgenosse und meine Katze Strawi ist sehr neugierig, will Neues entdecken und hat keine Angst irgendwo anzuecken. Sie hat die Nase immer weit vorn, vielleicht passt dieser Name perfekt zu ihr.

Gilt es auch für Bonaparte, dass man Neues entdeckt und keine Angst hat anzuecken?

Zum Teil. Ich denke, dass Bonaparte beides ist. Auf der einen Seite sind wir schon traditionsbewusst, wie auch ganz vorne dabei.

Warum traditionsbewusst?

Sehr viel von dem was wir machen referenziert auf Sachen aus der Geschichte. Die Musik, aus der ich komme ist Klassik und Jazz und Molly hat eine klassische Ballett Ausbildung. Viele unsere Dinge kommen aus Ecken, die mehrere hunderte Jahre alt sind. Allein schon auf der neuen Platte, die Suche nach dem eigenen Voodoo ist etwas sehr urtümliches.  Die Energie einer Bonaparte Show, die man eher dem Punk zuordnet, ist gleichzeitig etwas total Urzeitiges. Gleichzeitig fasziniert mich die ständige Allzeiterreichbarkeit: Computer, Internet, Überwachung mit allem Pipapo. Da merkt man halt die Moderne bei uns. Unsere Musik ist hier und jetzt, trotzdem steckt da viel Tradition drin. Alles Moderne ist halt eine Zusammensetzung von dem, was sich in der Vergangenheit bewährt hat.

Woher kommt deine Vorliebe für Jazz und an Musiker wie z.B. Illinois Jacquet und George Benson?

Das sind halt Musiker, die ich getroffen habe. Als ich 14-15 Jahre alt war, wollte ich immer die Musiker treffen, deren Musik ich höre. Wer gerade in Europa war, den habe ich aufgesucht. Ich mochte immer Musik und Musiker, die ich persönlich getroffen habe. David Bowie kenne ich nicht, weil wir uns noch nie über den Weg gerannt sind. Deshalb werde ich seine Musik erst beginnen zu hören, wenn ich mit ihm mal rede. So bin ich halt drauf. George Benson wollte ich treffen, weil er Grant Green kannte, der leider 1979 gestorben, weshalb ich seine Wegbegleiter kennenlernen musste. Dadurch habe ich viel gelernt, vor allem ein Leben mit der Musik in der Musik.

Auch wenn wir musikalisch etwas komplett anderes machen, stilistisch ist unsere Haltung nicht viel anders. Ich hab viel Zeit in einer Old-School Jazz Community verbracht. Die Jazzer hatten schon immer ein Outlaw-System gehabt, wo man füreinander da war. Diese Haltung gibt es heutzutage kaum noch – wenn überhaupt. Die heutige Musik mag ich nur, wenn sie mich unterhält. Ich hab ja bei Sorry We’re Open geschrieben.  “the end of entertainment, is the beginning of war”, weil ich glaube, dass Musik unterhalten soll. Heißt nicht, dass man dabei sein Hirn ausschaltet und sich einfach nur berieseln lässt. Ich bin schon immer viel gereist, weil ich der Meinung bin, dass man um einen bestimmten Sound greifen zu können, an den Ort fahren muss wo er entstanden ist. Ich glaube, dass bestimmte Musik aus dem Lebensgefühl heraus entsteht und nicht der Musik willen.

Inspiriert dich deine Berliner Wahlheimat noch?

Nein. Ich will nicht sagen, dass es nur an der Stadt liegt, vielmehr auch an mir. Ich habe mir vorgenommen nach der Tour erst einmal aus Berlin zu verschwinden.

Wohin geht es?

Naja, ich will einfach mal ein halbes Jahr weg. Berlin ist total toll zum Leben. Es ist eine sichere, eine einfache Stadt und somit gut zum leben. Vieles ist nah und unglaublich viele tollte Menschen leben dort. Berlin gibt einen viel Freiheit, dennoch spüre ich gerade nicht das kulturelle Kitzeln. Berlin ist halt auch total ausverkauft, worüber man aber nicht böse sein darf. Andere Metropolen sind es seit Jahren. Berlin ist halt anders, als jede andere deutsche Stadt. Ich habe jetzt drei Alben dort gemacht und es wird Zeit für neue Impulse. Die Liebe für die Kunst kann so nicht weiter funktionieren und muss experimentell für mich sein. Ich muss mich daran reiben können. Dieses kann ich momentan in Berlin nicht.

Gebürtig stammst du aus der Schweiz….

Dafür kann ich aber nichts…

Ist ja auch nicht schlimm. Aber gibt es an dir Charakterzüge, die typisch schweizerisch sind und dir die anderen Mitglieder auch mal gerne vorhalten?

Bonaparte ist typisch schweizerisch! (lacht) Nee, im ernst. Ich muss sagen, dass ich meine Liebe zu meinem Land eigentlich erst auf Reisen entfalten hat. Ich liebe die Natur, die Kultur und auch die Sprache. Das ist Heimat für mich. Ein gut behütete fleckchen Erde. Es gibt vieles, worüber ich lachen muss, wenn ich an die Schweiz denke und dann ist die Schweiz auf vielen Ebenen echt krass, was ich Geschichtlich gesehen sogar nachvollziehen kann. Ich schäme mich dann sogar für sie, weil es ihr so gut geht.  Die Schweiz ist gemütlich Naiv, korrekt und auch ziemlich weltverschlossen und schafft es dennoch Dinge zu entwickeln, die weltweit Beachtung finden. Ein Spielfeld auf dem tolle Sachen gedeihen können, wenn man es schafft über den Tellerrand zu schauen. Das ist aber nicht leicht, weil es dem Land einfach zu gut geht und dadurch der Antrieb für etwas Neues fehlt. Davon abgesehen, dass das Leben in der Schweiz ziemlich teuer ist. Eine Pizza in Zürich kostet ein Vermögen. Da frage ich mich echt: „Wie macht ihr
das? Wie geht denn das?“ Klar, dass kannst du natürlich in Großstädte wie New York, London oder Berlin auch haben, nur in diesem Städten ist die Schere nach unten auch vorhanden. Aber um noch einmal die Kurve zu kriegen und die Frage zu beantworten. In Bonaparte steckt schon sehr viel Schweizerisches drin. Die Struktur und das fast alle Schwyzerdütsch reden. (lacht)

Hier in Köln sitzt auch das Intro Magazin…

Echt? Die Schweine. (lacht)

Ja, dahin geht jetzt auch meine Frage, weil die bisherigen Rezensionen alles andere als positiv waren.

Intro mag uns gar nicht! Nur wenn etwas für sie drin ist, wo sie Sponsor sind oder so was in die Richtig machen, wie beim Melt-Festival zum Beispiel. Vielleicht sind auch unsere Hosen nicht eng genug, ich weiß es echt nicht. Aber am Ende geht es nicht um uns, sondern um sie – das ist ja das Lustige. Intro will sich ja irgendwie damit ausdrücken und definieren, was man aber jetzt auch nicht auf die ganze Redaktion runterbrechen darf. Nicht nur die Intro hat unser erstes Album zerrissen, weil sie es einfach nicht greifen konnten. Die Produktion war auch so, dass man es hätte Scheiße finden müssen. Man braucht Zeit und muss sich mit der Materie auseinandersetzen, um schließlich die Substanz zuerkennen die dahinter steckt. Abgesehen von der Intro fanden plötzlich alle unser zweites Album ganz toll, wobei die Kritiken zum jetzigen Album mal so und mal so sind. Außer halt vom Intro. Die finden uns weiterhin Scheiße. (lacht)

Trifft es dich nicht persönlich, wenn die eigene Arbeit als „Vollschrott“ bezeichnet wird?

Nee, eigentlich nicht. Ich hab nichts dagegen und finde es spannend, wenn jemand seine Meinung sagt. Es ist halt ein komischer Beruf den die Leute da ausführen. Die Leute,  die unsere Platte bewerten wissen gar nicht, wo die Schwierigkeit bei unserer Musik liegt. Ich würde gerne mal eine Bonaparte-Cover Band hören, die das so hinkriegt. Es gibt nicht viele Bands, die diese Art von Musik spielen könnten. Man braucht viel Zeit, damit man so spielen kann und das alles zusammen zahnt und funktioniert. Bonaparte Songs zahmen wie eine Schweizer Uhr und für uns selbst ist es auch nicht immer einfach. Meistens läuft es reibungslos, aber es gibt auch Abende, an dem absolut gar nichts rund läuft. Aber um noch mal zur Intro zu kommen. Wir schreiben Songs, damit man sie hört und live sich anschaut. Wir schreiben bestimmt nicht Songs, damit man drüber schreibt.

Info: www.bonaparte.com

(Markus Tils)