NEVER SAY DIE! Tour 2009

(06.11.2009, Hamburg, Markthalle) Nach dem Beastfest haben Imperial und Avocado Booking zu einem weiteren Konzertmarathon nach Hamburg eingeladen. Und weil es ein sportlicher Abend werden sollte, sind viele Besucher auch gleich in Jogginghose gekommen…

Dabei hatte ich mich schon drauf eingestellt, den Bericht mit einer Schelte aufgrund des frühen Beginns einzuläuten: Wie sollen denn bitte Menschen, die sich in einem festen Arbeitsverhältnis befinden, um 18 Uhr (!) in der Markthalle aufschlagen? Die Frage sollte sich aber gar nicht stellen, da offensichtlich keine Arbeitnehmer/innen jeglicher Art vor Ort waren. Das Schülerklientel, welches sich am frühen Abend noch teilweise im Foyer des Hauptbahnhofs beim Schminken aufhielt (!), machte die Never Say Day Tour zu einer echten U-20 Veranstaltung.

Und um es vorweg zu nehmen: Die Veranstalter dürften in Hamburg ein positives Fazit gezogen haben. Die Markthalle war bereits gegen 19 Uhr bestens gefüllt und die extrem aufgestylten Kiddies waren in Kauflaune. Zudem war der Bühnenablauf gut organisiert, es gab relativ kurze Umbaupausen und der Sound war bei allen Bands (zumindest ab dem dritten Stück) gut zu ertragen.

Aufgrund des frühen Anstoßes konnte ich THE GHOST INSIDE beim besten Willen nicht mehr erleben. Dafür ertönte gerade rechtzeitig das „Final Countdown“ Intro von IWRESTLEDABEARONCE, die unerwartet viele Kids vor die Bühne zogen. Mit „You Ain´t No Family“ wurde gleich zum Einstieg der bekannteste Song gebrachte, der überraschend heftig im Pit abgefeiert wurde. Die Growls der sympathischen Sängerin gehörten schon früh zu den Highlights des Abends, auch wenn die cleanen Gesangparts im Grindcore-Geknüppel etwas untergingen. Sie und ihre bärtigen Bandkollegen waren jedenfalls geübte Poser, denen man die Begeisterung jedoch (noch) ansehen konnte. So steppte beim genialen „Tastes Like Kevin Bacon“ sprichwörtlich der Bär zu übelster Techno Musik, um sich „ein Hupe später“ in übelste Hysterie zu kreischen. Als die beiden Gitarristen den Song spielend beim Crowdsurfen ausklingen ließen, hatte die Band etliche neue Fans gewonnen. IWRESTLEDABEARONCE hatten in Hamburg nicht nur die schönsten Shirts im Gepäck, sondern haben gleich einmal die Messlatte für die kommenden Gruppen enorm hoch angesetzt.

Dementsprechend ausgedünnt waren die Reihen zu Beginn des OCEANO Sets. Dennoch kamen auch die Schwergewichte unerwartet gut beim jungen Publikum an, was nicht an den musikalischen Qualitäten gelegen haben dürfte: Die Earache-Band hat die „Stump ist Trupf“ Karte voll ausgespielt und war einfach nur monoton-brutal. Den Kids gefiel die spartanische Darbietung aber, so dass viele Crowdsurfer von der Bühne segelten und es im Pit richtig ruppig wurde. Ein sehr dankbares Gebären vor einer sehr durchschnittlichen Band.

Alles andere als durchschnittlich waren die folgenden AS BLOOD RUNS BLACK, denen man das Feuer und die Spielfreude richtig ansehen konnte, obgleich sie gerade erst erneute Besetzungswechsel hinter sich gebracht hatten. Gerade die neue Bassistin stellte sich als Scharmbolzen heraus, die bei ihren Besuchen am Bühnenrand reihenweise junge Metalcore-Herzen zum Schmelzen brachte. Auch der Jack-Black-Lookalike-Sänger trug seinen Teil zur Show bei und besorgte sich ein ums andere Mal gesangliche Unterstützung in den vorderen Reihen und zog persönlich die Leute zum Stagediven auf die Bühne. Vor selbiger wurde es jetzt erstmals richtig voll und weiterhin ziemlich brutal. Jedenfalls konnte man zwischen den Beatdowns schon mal die eine oder andere junge Nase knacken hören. Zudem schien es den asozialen Eindruck zu machen, dass sich die Kickbox-Atzen nicht mal mehr gegenseitig vom Boden aufhelfen… Im Rest des Saals herrschte ansonsten spaßige Stimmung und auch die Mitsingparts kamen sehr amtlich rüber; zudem zogen erstmal ein großer Circle Pit und eine Wall of Death ihre Kreise. Ähnliche wie bei IWABO saßen auch bei ABRB alle Posen im Effeff und trotzdem kam die Gruppe sehr sympathisch und authentisch rüber. Sehr gut!

Danach wurde ein dicker Synthesizer auf der Bühnenmitte positioniert und die Spannung stieg, wie HORSE THE BAND bei den Bollo-Kids ankommen sollten. Obwohl die Band dem Atzen-HC mit Styles und Auftreten mit den Weg geebnet hatte, lagen heute (auch gerade optisch) Welten zwischen der Band und dem Rest der Welt. Während das Publikum bei allem Kajal, Gore-Comicshirts und Piercings irgendwie auch Modeschau spielte, schien sich die Band an alten Trucker-Pornos zu orientieren. „We are singing about Science, Technology and Vagina“ kam es von der Bühne und als ein Becher in Richtung Nathan flog, ein trockenes „not even thirtsty asshole“. Tatsächlich war der Sänger etwas auf Krawall gebürstet, versuchte erst grob einem Stagediver die Hose runterzuziehen und zog einem anderen sein schweißnasses T-Shirt klatschend durchs Gesicht. Wem die (aufgesetzte?) zynisch-arrogante Art etwas auf dem Magen schlug, dem wurde mit Songs wie „Murder“ (dem Stimmungshöhepunkt) wenigstens musikalisch etwas geboten; das späte „Cutsman“ war schlichtweg genial. Als Fazit bleibt der fade Beigeschmack, dass HORSETHEBAND an einem anderen Abend, in einem anderen Rahmen sicherlich besser rübergekommen wären. Und das Nathan wirklich einen Schuss hat. Dennoch gab es am Ende die ersten lauten Zugabenforderungen.

Der „Bring Me The Horizon“-Effekt hat anscheinend auch bei den ARCHITECTS eingeschlagen: Jedenfalls schienen viele Mädels vor allem wegen der garnichtmehrsojungen Jungs aus Brighton gekommen zu sein. Deren Sänger scheint eine echte Obsession bezüglich Stagedivern zu haben. Jedenfalls forderte er so ausdauernd und penetrant nach mehr Bühnenspringer/innen, dass es schon beinahe etwas nervig wurde. Zudem kam die Gruppe zu Beginn etwas zu routiniert und abgeklärt rüber, ohne ein Feuer wie ABRB und IWABO zu entfachen. Erst im letzten Drittel wurde es richtig spannend: Während stückweise die obligatorischen Singletracks abgearbeitet wurden, drängte sich das Publikum immer stärker ins Geschehen. Nach dem ersten kleinen Bühnensturm waren quasi permanent Leute auf den Brettern, wovon einer dem verdutzten Sam einfach mal das Mikro aus der Hand riss. Beste Grüße gehen an dieser Stelle raus an einen Schreiberkollegen (?) von uns, der gleich zweimal mit seiner Spiegelreflex am Handgelenk nach vorne weg in die Menge gesprungen ist. Sehr belustigt waren die ARCHITECTS auch von einem besoffenen Typen, der unbedingt einen Song ansagen wollte, aber nur noch ein vernebeltes „Fucking, fuck, fuck“ raus bekam. Der folgende Circle Pit war jedoch wirklich mächtig und der große Bühnensturm bei „Early Grave“ krönte den interaktionsgeladenen Auftritt.

Im Anschluss traten viele (und offensichtlich gerade jüngere) Besucher/innen den Heimweg an, so dass DESPISED ICON als Headliner vor einer dezimierten Menge auftreten mussten. Die Paradeband der Pig Squeals, von denen sie auf ihrem neuen Album gar nicht mehr so viel wissen wollen, hatte dennoch genügend Fans versammelt, um den brachialen Schlusspunkt der Tour zu setzen. Denn nach dem orchestralen Intro war es vorbei mit aller Heiterkeit und die Anti-Posterboys zogen ihr aggressives Programm ohne Abstriche durch. Angetrieben von einem Doublebass-Traum von Schlagzeugsound entwickelte die Band mit den beiden Sängern viel Druck und auch die beliebten Pig Squeals ertönten bei den älteren Stücken. Während des Sets hatte man dann eigentlich auch keine Fragen mehr; das Publikum wurde regelrecht abgefertigt. Man konnte den Sound der Band mit typischen, überladenen Ausdrücken aus Metal Magazinen beschreiben: „Dampfwalze“, „Blutbad“, „Riffgewitter“, „Abrissbirne“, „Massaker“ oder „Nackenbrecher“, bei DESPISED ICON stimmten sie alle. Ein würdiges Ende für einen unerwartet kurzweiligen Musikabend!

Info: www.myspace.com/neversaydiefestivals

(Jan Laging)