PORT O’BRIAN: Flehende Abrechnung

(01.12.09, Köln, Gebäude9) Oftmals sind die Rollen all zu klar verteilt. Es gibt den großen Haupt Act und die Support-Bands sind nicht mehr, als Zeitüberbrücker, die man zwar zur Kenntnis nimmt aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. In der Theorie ist das auch am heutigen Abend so. Rein vom Bekanntheitsgrad stehen Port O´Brien deutlich über den beiden anderen Gruppen. Gut, dass die Praxis die schöne Eigenschaft hat, mitunter gehörig von der Theorie abzuweichen. Und noch schöner, dass dieser Umstand am heutigen Abend nicht damit zu tun hat, dass die Hauptband irgendwie enttäuschen  würde. Vielmehr bekommt der Besucher drei großartige Auftritte geboten, die auf ganz unterschiedliche Weise zu faszinieren wissen. Und wenn man einen Gewinner ausmachen will am heutigen Abend, ist das an erster Stelle das Label City Slang, können sie sich doch glücklich schätzen, solche Qualität unter Vertrag zu haben.

Den Anfang machen gegen neun die beiden jungen Schwedinnen von First Aid Kit. Die Söderberg Schwestern greifen mit ihren Miniaturen aus Gesang, Gitarre und Keyboard zärtlich aber durchaus energisch zu und lassen den Zuschauer für den Rest des Vortrages nicht mehr los. Besonders viel Raum wird dabei dem zwischen Harmonie und Kontrast pendelnden zweistimmigen Gesang eingeräumt. Die Songs brauchen wirklich kein üppiges Gerüst aus Instrumenten, klare Melodien, die aber nicht zu vorhersehbar geraten, lagern auf atmosphärischen Klangtupfern, mehr wird nicht benötigt. Dass das Ganze dennoch nicht zu einem ätherischen Säuseln verkommt, sondern kraftvoll und klar bleibt, ist vielleicht die größte Stärke von First Aid Kit. Und wer als Schlusspunkt, im Kreise des Publikums stehend, eine bestechende Version vom „Tiger Mountain Peasent Song“ der Fleet Foxes anzubieten hat, kann eigentlich nur auftrumpfen. Ein wunderbarer Start in den Abend.
Jetzt aber mal eine ganz andere Baustelle: Royal Bangs. Deren Album „Let it Beep“ wurde ja auf dieser Seite bereits entsprechend gewürdigt, die Mischung aus arty Indienosiehippsterelektro und klassischem Songwriting kann man getrost als einer der Entdeckungen des Jahres bezeichnen, mehr demnächst an dieser Stelle in einem Interview mit der Band. Was besonders Freude macht am Auftritt der Band aus Knoxville, ist deren schiere Spielwut, die einzelnen Bandmitglieder wirken wie die visuelle Umsetzung ihrer Songs, gehen voll im Rhythmus auf, jedem Takt wird mit einer Körperbewegung entsprochen. Das wäre alles ziemlich egal, ja würde sogar peinlich wirken, wenn es am Kern, den eigentlichen Songs, haken würde. Doch hier machen Royal Bangs keine Gefangenen. Es ist halt großartig, wenn sich eine Band nicht  darauf beschränkt, dass Publikum mit catchy Beats und einfachen Hauruck-Elektro zu ködern, sondern wirklich substantiell große Songs zu bieten hat. Ein Beispiel: Es gibt da diesen Song „Little Prince of Keitar“. Zwischen vertrackten Rhythmen und Feedback  kommt da ein völlig ernsthaft vorgetragenes „I take care of You“, eine Melodie, wie man sie in einem der großen romantischen Pop-Songs findet. Aber der Witz ist, dass auf Textebene schon wieder ein ganz anderes Bild entsteht, Zynismus Galore. Besonders schön ist wieder rum, zu sehen, dass das Ganze bei einem Publikum starken Gefallen findet, welches nicht gerade unter Verdacht steht, diese Band gut zu kennen. Hier leisten Royal Bangs beeindruckende Überzeugungsarbeit, die sicher bei den Besuchern eine bleibende Wirkung hinterlassen wird. Also, schon zwei tolle Konzerte gesehen und Port O´Brien haben noch nicht einmal gespielt.
Zunächst herrscht aber einmal großes Rätselraten, als die Band um  Van Pierszalowski die Bühne betritt. Der weibliche Gegenpart, Cambria Goodwin, fehlt. Auf Nachfrage aus dem Publikum antwortet Van nur knapp, dass es ihr heute nicht gut geht. Gut, sei es wie es sei, dann halt ohne Cambria, ein intensives, leidenschaftliches Konzert findet auf jeden Fall statt. Van ist einer der Sänger, die in ihre Songs, alles aber auch wirklich alles, reinstecken, was in ihnen steckt. Ob das jetzt ein eher ruhiger Folk-Song ist oder die wild marschierende Country-Nummer, immer ist der ehemalige Lachsfischer am Limit.
An dieser Stelle soll auch der Chronistenpflicht Genüge getan werden, natürlich ist „I Woke up Today“, der populärste Song der Band, auch heute Abend Mittel-und Höhepunkt des Konzertes, zumal Van sich 10, 15 Zuschauer auf die Bühne holt um ne lustige Jam-Session auf die Beine zu stellen. Das ist dann freilich ein Mordsspaß aber  den großartigsten Moment des Konzertes erlebt man vielleicht bei „My will is Good“. Von einem stoischen Beat an der kurzen Leine gehalten, versucht Pierszalowski seine aufkommende Aggression zu unterdrücken um sich dann in eine sehnsüchtig flehende Abrechnung zu stürzen, „You´re all I ever hated“. Näher kann einem ein Sänger bei einem Konzert nicht auf die Pelle rücken.
Und so freut man sich nach einem langen Abend über drei absolut gelungene Vorträge, die bereits für sich genommen, das Eintrittsgeld wert gewesen wären. Chapeu City Slang!

Info: www.portobrien.com

(Martin Makolies)