Boysetsfire live@Amsterdam: Men Set Fire – Klassentreffen oder Reunion?

(26.06.2011, Amsterdam, Melkweg) Mitten in der Touristenmeile von Amsterdam – ein bisschen versteckt an dem Ausläufer einer Gracht – steht seit 1970 der Melkweg. Eine non-profit All-In-One-Location, die neben zwei Konzerthallen, Club und Café auch ein Kino und Ausstellungräumlichkeiten beherbergt. Am vergangenen Sonntagabend wird vor der Venue neben Niederländisch und Englisch auffällig viel Deutsch gesprochen. Da boysetsfire den Westen Deutschlands bei ihrer „while a nation sleeps“-Tour mit Ausnahme des Vainstreams treulos ausgelassen haben, sind viele die knapp 250km aus NRW gepilgert, um die alten Jugendhelden nach einem halben Jahrzehnt wieder live sehen zu können. Der Altersdurchschnitt beläuft sich um Ende Zwanzig mit steigender Tendenz. Wer hätte damals gedacht, dass man diese Gelegenheit nach der überraschenden Auflösung kurz nach Veröffentlichung der letzten Platte noch einmal bekommen würde?

Die Vorbands – Antillectual und LetLive geben ihre kurzen Sets zum Besten während viele Konzertgäste noch draußen stehen und das sonnige Wetter genießen. Püntlich um viertel nach Zehn steigen dann die fünf Hardcore-Urgesteine auf die Bühne und ein kurzes Raunen geht durch die lichten Reihen. Es ist nicht annähernd ausverkauft. Ganz bequem kann man in der zweiten Reihe stehen, um den Fotografen die Erste zu überlassen. Das gemächliche Wippen wird nur unterbrochen von vereinzelten Pogern und Stagedivern.

Es ist nicht so, dass von der Bühne keine Energie ausgehen würde. Im Gegenteil: wer Nathan Gray jüngst auf einer Casting Out-Show gesehen hat, der ist überrascht von seiner Wirbelwindigkeit. Aber es ist eine andere Energie als jene, die von jungen, wütenden Hardcore-Kids ausgeht. Auf den Gesichtern der Zuschauer zeichnet sich glückseliges, mitsingendes Lächeln ab. Doch es ist mehr ein Schwelgen, als ausgelassenes Feiern. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass aktuell keine Pläne bekannt sind, nach denen es jemals wieder neues Liedgut von boysetsfire geben wird. Es erklingen Konserventöne als Intro und auch das wird bejubelt. Wie als wollte man damit bekräftigen, dass es eigentlich keine Rolle spielte, ob die Männer leibhaftig oder als Playback-Puppen auf der Bühne stehen würden. Der ganze Auftritt hat etwas Unwirkliches so wie ein Event in einer Cyber-Realität. Es fühlt sich unheimlich gut und auch echt an, aber irgendetwas wirkt falsch und setzt sich tief in der hintersten Ecke des Bewusstseins ab, während man voller Inbrunst „Empire“, „Requiem“, „After the Eulogy“ und „Rookie“ mitbrüllt.

Kurz nach Mitternacht erlischt dann nach der letzten Zugabe das Bühnenlicht und das Publikum strömt aus der Hallen. Manche wirken wie nach dem Erwachen aus einem Traum. Das Lächeln bleibt und wird als süße Erinnerung im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Wer weiß, wann es eine solche Gelegenheit in Zukunft noch einmal geben wird? Und ganz ehrlich: wer wird diese entstaubten Hits ohne frische Töne noch lange live sehen wollen? Der Vorteil der Exklusivität und Besonderheit wird nach Ende der aktuellen Tour aufgebraucht sein. Dann erst wird sich entscheiden, ob dies eine wahrhafte Reunion-Tour gewesen ist, oder ob es nur ein nostalgisches Klassentreffen war.

Info: http://www.boysetsfire.com/

Text: Lyra Nanerendij
Foto: Michael Blatt