AT THE DRIVE-IN live in Köln

At The Drive-In

(30.03.2016, Köln, Palladium)„Als ich vor fünfzehn Jahren in Amsterdam gearbeitet habe, bin ich voller Vorfreude auf ein At the Drive-In Konzert mit dem Fahrrad zum MELKWEG gefahren, um vor Ort auf Schildern zu erfahren, dass das Konzert ausfällt. Ich wollte natürlich unbedingt wissen, warum. Also bin ich erstmal ins Internetcafé und hab dort dann erfahren, dass sich die Band aufgelöst hat. Ich bin dann ganz traurig zum Plattenladen, um mein Ticket zurückzugeben. Das Konzertplakat wollten sie eigentlich gar nicht rausrücken, aber am Ende hab ich sie doch überzeugt und das Plakat hängt bis heute noch bei mir.“

Das Trauma des nie stattgefundenen Konzerts haben damals wohl viele erlebt als sich At the Drive-In 2001 aus heiterem Himmel auflösten. Bei der ersten Reunion 2012 kam die Band bis zu ihrer erneuten Auflösung ja erst gar nicht bis nach Deutschland. Da hieß es schnell die Gelegenheit beim Schopf packen, um die Jugendidole nach fünfzehn Jahren vielleicht ein letztes Mal live zu sehen. Und so ist wie die Band auch das Publikum im Palladium schon eher Ü30 und drüber. Eine kribbelig aufgeregte Stimmung fast wie ein Raunen liegt über der Vorhalle, wo sich die Besucher um Biertheke und Merchandise oder im Raucherbereich des industriecharmigen Palladiums versammelt haben und schon ein bisschen mit den Füßen scharren in Erwartung wie gut das jetzt wirklich werden möge. Missglückte Reunion Konzerte anderer großartiger Bands haben da bereits Spuren in Herzen hinterlassen und die Erwartung möglicherweise enttäuscht zu werden reist durchaus in den Jutebeuteln und Gürteltaschen mit. Zum Glück wird diese Erwartung überhaupt nicht bestätigt.

Doch zunächst The Butcherettes, die allesamt rot bekleidet und Frontfrau Teri Gender Bender mit Federn, Tüll, Samt und über bis zum Kinn verschmierten blutroten Lippenstift zumindest mal für einen gehörigen Eyecatcher sorgen, um die aufgeregte Menge etwas abzulenken. Die Halle ist schon ordentlich gefüllt und es wird gewippt und genickt was das Zeug hält. Der quirlige Garage Punk kommt gut, meistert ihr Schicksal als Vorband mit Bravour und fügt sich lückenlos in die weitere Stimmung des Abends.

Und dann endlich: At the Drive-In. Nie wurde eine Mikrostange im Palladium so gewirbelt. Schon mit den ersten Tönen wird klar: die Band (leider ohne Jim Ward) hat Bock. Und das ist ja schonmal die beste Voraussetzung. Die fünfzehn Jahre Plus sind insbesondere Cedrik Bixler kein bisschen anzumerken, der jegliches erkletterbare Bühnenmaterial nutzt um rauf und wieder runter zu springen und sich kurzerhand – den Mikroständer auf der zweckentfremdeten Monitorbox abgelegt – lasziv auf dem Boden räkelt und sich blowjob-esk mit dem Mund ganz nah an das Mikro heranrobbt. Kopfkino frei. Zwischendurch wird die Melodica gezückt und in bester Manier von Cedrik gespielt. Auch der Tonmensch macht seinen Job. Der Sound ist nämlich fett und hört sich fast an wie direkt von der Platte.

Gespielt werden dann quasi nur Hits: fast die komplette „Relationship of Command“ – DER Meilenstein des Posthardcore – , was auch die mitsingfreudige Menge zu bedienen scheint, denn bei früheren Songs jenseits der Smashhits wie 300Mhz herrscht in der Halle fast gespenstische Stille. Die Crowdsurfer lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen und kreisen energetisch ihre Bahnen. Die Band schafft es mit Bravour, ruhigere getragene Passagen einzubauen (Gänsehautmomente bei Invalid Litter Dept. und Hourglass), ohne an Drive zu verlieren. Die Jungs scheinen wirklich mit dem Herzen dabei zu sein. Sie liefern nicht nur eine krasse, energiegeladene Show und spielen sich die Seele aus dem Leib, sondern Cedrik trägt auch sein Herz auf der Zunge: erzählt von früher, wo sie in ganz kleinen Clubs gespielt haben und wie „die Jungs aus Texas“ mit offenen Armen empfangen wurden und immer was zu essen und einen Platz zum Schlafen gefunden haben. Mit Dankbarkeit in der Stimme wird intoniert „After al those years you could have forgotten us. But you didn’t and you’re here. So thank you!“ Ein extremer Gegensatz zu den ruppigen Tönen auf früheren Konzerten, wo auch mal mit „you’re all sheep for the yellowpresspropaghanda“ inklusive „Mähhh“-Geräuschen das Publikum beleidigt wurde.

Als Zugabe gibt es „One Armed Scissor“ und „Napoleon Solo“. Beim Bühnenabgang werden Kusshände geworfen und die Band wirkt sichtlich berührt. Ein wirklich schöner Abend und wirklich eine der Top 10 Reunion Shows.

Ein bisschen Kritik darf an der Stelle aber auch nicht fehlen. Es tut sich nämlich die Frage auf, ob es wirklich notwendig ist, eine Konzertkarte für über vierzig Euro zu verkaufen und auch das Fotografenverbot gab einen etwas bitteren Beigeschmack. Die Freude an dem schönen Abend, der tollen Musik und der guten Energie auf und vor der Bühne weiß das aber sicherlich nicht zu schmälern. Bleibt zu hoffen, dass die nächste Auflösung nicht kurz bevorsteht. Das wäre nämlich wirklich zu schade!

(Lyra Nanerendij –  supported by Manu Rottmann, der beeindruckender Weise wirklich alle gespielten Songs aufzuzählen wusste und mir außerdem seine Eindrücke schenkte. Danke!)

Info: www.facebook.com/ATDImusic