ARCADE FIRE: Reflektor

ARCADE FIRE

(Vertigo/Universal) Man konnte durchaus genervt sein von der Medienoffensive, die Arcade Fire ob der Veröffentlichung ihres neuesten Babys „Reflektor“ geritten haben, mal davon abgesehen, dass die Band aus Montreal wohl auf ewig everybody´s  darling der Indie Szene sein wird. Dennoch, Arcade Fire haben sich wichtig gemacht, Graffiti Tags in jeder größeren Stadt der westlichen Welt, ein interaktives Video zur ersten Single und selbst das hat nicht gereicht, es musste auch noch ein Clip von Anton Corbijn für den Titelsong nachgelegt werden, also, achtung allerseits, hier kommt ein Großereignis. Kann da das Album selbst mithalten? Diese Frage ist schwer zu beantworten, klar, „Reflektor“ steckt, was Einfallsreichtum und kompositorische Klasse angeht, fast die gesamte Konkurrenz in die Tasche, doch gibt es diesmal auch Songs, die etwas innovationsarm und bemüht wirken, ein Novum im Kosmos einer Band, die bisher mit jeder neuen Veröffentlichung für ein Höchstmaß an Verzückung gesorgt hat. Zu begrüßen ist da aber auf jeden Fall, dass Arcade Fire ihren Fokus wieder mal ein wenig verschoben haben, „Reflektor“ ist, zumindest verallgemeinert, die Disco-Platte der Band, bei manchem Stück weiß man da nicht so recht, ist das jetzt noch ein Song oder doch eher ein Track. Bestes Beispiel: das Titelstück. Sieben Minuten im geschmeidigen Fluss unter dem Diktat eines alles dominierenden Diskobeats, wobei die Kanadier hier auf vereinzelte Highlight-Momente verzichten, es gibt zwar so was wie einen Refrain, doch wird der auf halber Fahrt abgeblasen, „it´s just a reflektor“. Dennoch, dieser Track saugt einen förmlich hinein ins kontinuierliche Geschehen und der Wechselgesang von Win Buttler und Régine Chassagne jagt einem wohlige Schauer über den Rücken, da verkommt sogar der Backgroundgesang von David Bowie zur zu vernachlässigenden Randnotiz. Generell schielt „Reflektor“ gerne mal in Richtung Tanzfläche, da merkt man dann doch die Handschrift von Produzent James Murphy, obwohl, darauf sind Arcade Fire bestimmt auch selber gekommen. Da weiß „We Exist“ wohl selbst nicht so recht, ob es den Groove bei „Billie Jean“ oder „Sure Know Something“ von Kiss geklaut hat, ist ja auch egal, Hauptsache die nächtlichen Straßen glitzern geheimnisvoll in den Pfützen. Aber auch hier: kaum Hymnisches, kein Spektakel, trotz der epischen Streicher aber die sind passenderweise in den Hintergrund gemischt. Ein wenig gewagter ist dann das schräge „Flashbulb Eyes“, hier trifft die Kasbah auf die Karibik, es blubbert und plingert, doch hat man hier das erste Mal das Gefühl, die Band möchte ein wenig mit ihrem exotischen Klangbild angeben, vergisst aber dabei, für eine tragfähige Substanz zu sorgen. Völlig anders sieht das beim nächsten Songs aus, „Here Comes The Night Time“ ist ein kompositorischer Geniestreich, haitianischer Karnevalsfuror trifft auf ein niedliches Piano, trifft auf Rhythmen aus der Favela. Das ist alles so meisterhaft ineinander geschachtelt, dass man gar nicht weiß, in welche Stelle man sich als erstes verlieben soll. Vielleicht ist dies bereit der Höhepunkt eines Albums, welches im Folgenden die Gretchenfrage stellt: „do you like rock an roll music?/ cos I don´t know if I do“. Ganz auf den Rock And Roll mag man dann doch nicht verzichten, „Normal Person“ kennt den Schmutz ranziger Kneipen und hat sich von dort auch das Barpiano gemopst, hier wird die Distanz merklich verringert, man schmeckt den Schweiß auf den Lippen und Butler variiert seinen Gesang, vom Flüsterer zum sündigen Verführer, Vermittler zwischen Coolness und Starkstrom. Und auch „Joan Of Arc“ mag es handfest, hier wird der Glam Rock durch ein Schlammbad gezogen und es ist äußerst verführerisch wie Chassagnes Mädchengesang die Hymnik Butlers auskontert.  Damit endet der erste Teil dieses ambitionierten Großprojekts, Teil zwei geht noch mehr weg von vereinzelten Highlights hin zu einer konsistenten Gesamtstruktur. Die zweite Cd dieses Doppelalbums ist eher untergründig im Fluss, kostet Stimmungen aus, ohne sich dem Spektakel hinzugeben und wirkt dadurch etwas unscheinbarer als „Reflektor“-Teil 1. Dennoch hat auch Disk 2 ihre Stärken, nur schälen sich diese langsamer heraus. Über das mystifizierte Schweben von „Here Comes The Nightime II“ bewegt sich das Album auf die hippieske Blümchenwiese  von „Awful Sound( Oh Eurydice)“ zu, leider muss man bei beiden Songs feststellen, dass es sich um etwas banales Liedgut handelt, dem eine prägender Kern fehlt, da nützt auch die halbgare Hymnik in „Awful Sound“ nicht viel. Aber es wird besser, viel besser. „It´s Never Over( Hey Orpheus)“  investiert gewinnbringend in einen elastischen aber körperbetonten Beat, der in „Porno“ wiederverwertet wird, diesmal jedoch in entkernter Form. Diese beiden Songs klettern munter auf der Klaviatur der Stimmungen und Aggregatszustände rauf und runter und bieten alles zwischen sphärischen Auflösungserscheinungen und konkreter Club-Haptik, unheimlich intelligent und vielseitig. Arcade Fire“ lassen „Reflektor“ anschließend mit dem meditativen „Supersymmetry“ langsam auströpfeln, die Stimmen von Butler und Chassagne befinden sich enger Umarmung und die Verabschiedung von dieser Platte verläuft äußerst behutsam. Man ist am Ende etwas ratlos, wie man dieses Album einschätzen soll, es ist sicherlich nicht das Beste, was diese Band bisher erschaffen hat, brillant ist es stellenweise trotzdem. Nur zündet nicht jeder Song so zuverlässig wie früher, nicht alles ist von tiefer Inspiration durchdrungen. Auf der anderen Seite ist die stellenweise erfolgte Neuorientierung der Kanadier ganzheitlich gesehen doch ziemlich gelungen, das Cluboutfit steht Arcade Fire gut, und auch abseits davon gibt es viel zu entdecken und vielleicht sollte man dankbar dafür sein, dass es sich hier um eine Band handelt, die eben nicht die ewig gleichen Hymnen und Erweckungsmomente zelebriert.

Info: www.arcadefire.com

(Martin Makolies)