CHVRCHES: The Bones Of What You Believe

CHVRCHES

(Vertigo/Universal) An die Tür des ganz großen Durchbruchs klopfen Chvrches aus Glasgow kräftig an. Das Mittel dazu ist luftiger Elektropop, der Leuten mit Allergie gegen das Kommerzielle nicht gerade zu empfehlen ist. Dabei halten die drei Schotten die Liste ihrer Komponenten recht knapp, Keyboards, Synthies und ganz selten mal eine Gitarre. Das liest sich jetzt alles sehr nüchtern, nur muss man diese Songs mal gehört haben, das reinste Ambrosia für popaffine Ohren mit einem weiblichen Hauptgesang, der in seiner Jugendlichkeit zum Dahin schmelzen ist, Chvrches haben Hits, Hits, Hits. Eine interessante Nebeninformation dürfte übrigens sein, dass bei dieser Band Iain Cook, ehemals Aereogramme, mitmischt und da verwundert es schon, dass sich der gute Mann so hemmungslos dem eingängigen Pop verschrieben hat. Die Songs auf „The Bones Of What You Believe“ sind fast durchgehend lebensfroh in ihrer musikalischen Ausrichtung, nur die Texte sorgen für ein wenig Donnergrollen, „the mother we share/ can´t keep our cold hearts from falling“, kurz zuvor heißt es aber noch „the road is long/ but you can make it easy on me“, textliche Ambivalenz also zwischen süßem Zucker und bitteren Wahrheiten. Der dazugehörige Song liefert übrigens einen Refrain zum Niederknien, verzweifelt, sehnsüchtig, dabei durch und durch lebendig, ein perfekter Popmoment. Für solche Situationen hat Lauren Mayberry dann auch die perfekte Stimme, in ihrer Klarheit schwingt Unschuld mit, aber auch das Potential für aufrührerischen Furor. Und Chvrches sind wahrlich nicht sparsam mit ihren musikalisch sehr zutraulichen Süßigkeiten, „Gun“ hat zum Beispiel gleich zwei unterschiedliche Refrains, doch auch hier ist Vorsicht geboten, „I´ll be a gun/ and it´s you I come for“. Der Zaubertrick ist wohl der, dass sich diese Musik immer eine gewisse Leichtigkeit und Lockerheit bewahrt aber immer wieder Momente kreiert, die unheimlich einprägsam und bestechend zutraulich wirken. Irgendwelche gewagten Experimente wird man hier nicht finden, dafür eingängige Köstlichkeiten, die aber niemals den Intellekt beleidigen. In „Under The Tide“ gibt es zur Abwechslung mal einen männlichen Leadgesang und das changiert das Klangbild direkt in Richtung runtergefahrener Bescheidenheit, der Song kann sich nicht entscheiden, so richtig losbrechen mag er zwar nicht, stillsitzen kann er aber auch nicht, ein schöner ambivalenter Track. „Lies“ ist dagegen sehr konkret und kompakt, wirkt ein wenig runter gekühlt und schroff und packt ordentlich zu, das ist dann quasi Seifenblasen-Industrial. Das Geheimnis von Chvrches ist, dass sie eine ordentliche Ladung an zwingenden Melodien dabei haben, die sie ohne große Schnörkel dem nach musikalischer Klarheit dürstenden Hörer darreichen, ein Song wie „Night Sky“ steht da stellvertretend für all die großen und kleinen Popversprechen, die Chvrches auch gleich mit einlösen. Das erinnert zuallererst an diverse Popgrößen wie Robyn, in „Science/ Visions“ aber durchaus auch mal an Zola Jesus. Das abschließende „You Caught The Lite“ entfernt sich mit weiten, geruhsamen Schritten vom Popzirkus, bildet einen ätherischen Albumabschluss, einzelne Keyboardtöne funkeln in einer matten Sonne und es gibt hier durchaus Parallelen zu den ruhigen Songs auf Blurs „Think Tank“. Das schottische Trio Chvrches schafft den selten gelungenen Spagat zwischen Eingängigkeit und emotionaler Tiefe, dieses Album gibt vor, leichte Kost zu sein und ist als solche auch durchaus konsumierbar, vor allem in den Texten lauern aber tiefe Abgründe, die dem Album einen gewissen künstlerischen Gehalt verleihen.

Info: www.chvrch.es

(Martin Makolies)