HAIM: Days Are Gone

HAIM

(Vertigo/Universal) Die drei Haim-Schwestern aus L.A. sind mit viel Getöse in letzter Zeit durch den rauschenden Blätterwald geflattert, da stand dann zur Diskussion, ob das Trio die Rettung der geschmackvollen Popmusik sei oder eben doch nur ein überstrapazierter Hype. Die Wahrheit liegt da wie so oft auf halber Strecke. Es stimmt schon, Este, Danielle und Alana haben ein unheimlich geschmacksicheres Händchen für glänzenden Pop, ohne dass sie dabei allzu plakativ vorgehen würden, für einen richtigen Albummeilenstein schwächelt „Days Are Gone“ aber doch an der ein oder anderen Stelle zu viel.  Im eröffnenden „Falling“ wird jedenfalls gleich erst mal eine hieb und stichfeste Parole ausgegeben, „never look back/ never give up“. An dieses Credo halten sich Haim dann ungefähr zur Hälfte, Aufgeben ist tatsächlich tabu, einen kleinen, wehmütigen Blick zurück leisten sie sich aber schon so manches Mal. In der Retrospektive liegt dann auch das musikalische Selbstverständnis dieser Band, Haim haben unheimlich viel aufgeschnappt und dazu gehören nicht nur credible Künstler, die von der Szenepolizei abgenickt werden, auch Trashiges hat Platz im Kosmos dieser Band, wird aber immer zu unheimlich geschmackvollen Kompositionen weiterverarbeitet. Da erinnert der Gesang in „The Wire“ ungelogen an Shania Twain, im weiteren Verlauf mit seiner scharfen Akzentuierung gar an Michael  Jackson, aber der Song, Leute, der ist wahnsinnig geschmeidig und abgeklärt sexy, geht mit seiner Hochglanzgestalt  runter wie Öl. Das Geheimnis der drei Schwestern, die früher in einer Band mit ihren Eltern gespielt haben, liegt darin, sich vom Mainstream-Pop die glänzende Oberfläche zu holen, als Unterbau jedoch durchaus intelligente Harmonien und Melodien zu verwenden. Da mag es schon sein, dass man sich in „Forever“ ein wenig an Gloria Estefan erinnert fühlt, der Song selber hat aber eine unheimliche Freude am lasziven Flow, beim Gesang knistert es genüsslich und überhaupt ist das wunderbar geschmackvoller Popschmelz. Deutlich zupackender ist das rhythmisch verschleppte, recht konkret stampfende „My Song 5“, welches Haim als Kriegerinnen der Selbstvergewisserung in Szene setzt. Die rhythmische Struktur verweist mit ihrer Vertracktheit und ihren Verwirbelungen auf die Produzentenschule von Timbaland, und damit auch auf die viel zu früh verstorbene Königin des modernen R´n´B, Aaliyah.  Aber nicht nur der Pop der Neunziger ist Fundgrube für Haim, nein, bei weitem nicht. Die musikalische Sozialisation geht viel weiter, man hört des Öfteren die Fleetwood Mac der späten Siebziger raus und in „Honey & I“ verabreden sich Joni Mitchell und Paul Simon zum gemeinsamen Beobachten eines karibischen Sonnenaufgangs. Haim haben so ihre kleinen Tricks, um aus ihren Songs etwas Besonderes zu machen, so setzen sie beim Gesang gerne mal ein dezentes Stakkato ein, gut nachzuhören in „Don´t Save Me“. In „Let Me Go“ sitzen Haim ganz tief in einer komplizierten Beziehungskiste fest, es gibt keinen harmonischen Ausweg, der Widerspruch ist dabei immanenter Bestandteil, „let me go/ you know/ I´m not the one for leaving“. Musikalisch ist das warm und gehaltvoll umgesetzt, da bettet eine tiefrote Orgel den Song zum Beispiel auf ein intimes Klangbett.  Es ist dann ein wenig schade, dass es doch den ein oder anderen seichten Song auf dieser Platte gibt, deren Stärke es eigentlich ist, die glänzende Oberfläche mit gehaltvollem Innenleben auszustatten. „Go Slow“ und „Running If You Call My Name“ sind aber leider nur oberflächlich und dümpeln ein wenig in der Belanglosigkeit rum. Das ist aber sicherlich gut zu verschmerzen, denn der Großteil dieser Songs beweist eindringlich, dass auch kommerzorientierte Popmusik durchaus intelligent und vielschichtig sein kann, Haim haben eine Platte zusammengestellt, die trotz leichter Zugänglichkeit auch nach oftmaligen Hören immer wieder zu begeistern weiß und das ist dann doch eine gewaltige Leistung.

Info: www.haimtheband.com

(Martin Makolies)