I AM IN LOVE: Raw Heart

I AM IN LOVE
(Velocity Sounds Records/ Broken Silence) Das Herz kann manchmal eine ganz schöne Kühlkammer sein, neben Freude entstehen dort auch Verbitterung, Schmerz und Kälte. Diesen Gefühlsregungen ist „Raw Heart“ der Nord Londoner Band I Am In Love auf der Spur, es trifft hier in schöner Regelmäßigkeit Fragilität auf unterkühlte Schroffheit, selten wirken die emotionalen Seiltänze dieser Band warm oder einladend, obwohl sie doch recht häufig mit sanften Versatzstücken arbeiten. Sänger Sebastian Twigden agiert da zum Beispiel oftmals in der Nähe zum Falsett, sein Gesang ist immer wieder ein sinisteres Säuseln, das sich in die diversen seelischen Abgründe vorwagt. Dabei ist „Raw Heart“ atmosphärisch sehr tief ausgelotet und ausdifferenziert. Leider muss man sagen, dass ausgerechnet der Auftakt ein wenig daneben geht, dabei macht „Shiver“ zu Beginn alles richtig, baut eine Stimmung zwischen ätherischer Schwebe und aufkeimender Bedrohlichkeit auf, wechselt dann jedoch zu einer uninspirierten Hau Ruck-Rockigkeit über, die ein wenig wirkt, als wäre sie mit dem Holzhammer ausgeführt, sonderbar banal. Anders und deutlich besser gestaltet sich dann der weitere Weg, den dieses Album zurücklegt. In „My Heart, Your Soul“ bewegt sich Twigden wie ein Florettfechter durch den technoiden Urwald, der Song wirkt leicht unterkühlt, wie maschinell gefertigt und fährt kantige Störgeräusche und verbindliche Drums auf, um der Feingliedrigkeit ein wenig schroffe Körnung zu verleihen. „Mirrors And Smoke“ besitzt die Galanterie eines fragilen, auf den Gefrierpunkt herunter gekühlten Achtziger Popsongs, doch erlauben einige Öffnungen in der melodischen Struktur erhellende Ausblicke in freundlichere Landschaften, durch die Hintertür schleichen sich behutsam Wärme und menschliches Sentiment in den Song ein. Ein Ort der Kontraste ist auch „The Lust, The Heat“, welches sowohl Industrielles Brodeln als auch einen körperlos schwebenden Refrain sein eigen nennt. Dabei entsteht ein Setting, das sinister verraucht wirkt aber auch nicht allzu fernab von himmlischen Gefilden  unterwegs ist. Dennoch, das Dunkle, das Abgewandte dominiert, Helligkeit, Licht und Hoffnung sind nur in fein ausgebildeten Momentaufnahmen vorhanden, am deutlichsten in „Arms“, wo ein positiv motiviertes Sehnen im Blickpunkt steht und der Gesang sich elegant zwischen der Bettwäsche rekelt, hier ist sie, die Harmonie, die sich warm entfaltet. Dem Gesang in „Proposal“ steht dagegen der kalte Schweiß auf der Stirn, die Drums graben sich tief ein in einen metallenen Dschungel, es herrscht zittriges Fieber, welches durch stärkende Gitarren ein fest materialisiertes Rückgrat erhält, was im Endeffekt an die jüngsten Diskoausflüge von Arcade Fire erinnert. In „Stop Hurting“ wird das Schlafzimmer dann endgültig ins Kühlhaus verlagert, es herrscht ein subtiler Krieg zwischen den Liebesgegnern, „I just can´t stop hurting you“ und „you bring out the worst in me“ lauten die Beichtgeständnisse. Das ist dann düster schillernder Nachtpop, der die dunklen Seiten im Poesiealbum aufgeschlagen hat. Beendet wird das Schattenspiel des Herzens mit dem Titelsong, der fahle, graue Orgeltöne als Klangbett auslegt, zu denen sich Twigdens Stimme langsam in einem Keller ohne Glühbirne entlang tastet, immer schön vorsichtig, man will ja nirgends anstoßen. Hier hängt brüchiger Soul an einer fahlen Betonwand, bevor grimmig lächelnde Gitarren und ein handfester Drum Beat den Song in einen klaffenden Abgrund stoßen, diese Platte endet also unversöhnlich, Hoffnung und Zuversicht bleiben negierbare Fußnoten, am Ende dominiert die Schwärze, die sich über Songs und Seele legt.
(Martin Makolies)