JOHNNY FLYNN: Country Mile

JOHNNY FLYNN

(Transgressive Records/Rough Trade) Obacht, ihr Freunde britisch geprägter Folkmusik, es gibt mal wieder neues Futter. Nachdem letztes Jahr Sam Lee einen wunderbaren Mix aus Tradition und behutsamer Erneuerung abgeliefert hat, kommt jetzt der teils als Schauspieler, teils als Musiker agierende Johnny Flynn mit Album Nummer drei des Weges. Und er befindet sich tatsächlich auf Wanderschaft, das Motiv des Reisens zieht sich wie ein loser roter Faden durch „Country Mile“. Der zwischen New York und London pendelnde Flynn, dort entstanden auch die Aufnahmen zu diesem Album, hat sich dieses Mal für die eher unfertigen und dadurch manchmal skizzenhaft wirkenden Demos entschieden, um damit seine Platte zu füllen. Und das zeitigt eine große Wirkung, denn hier strebt nichts einem  zu glattpolierten Perfektionismus entgegen, die Stücke haben noch Brüche und Kanten, so solls sein.  Und damit kommt Flynn erstaunlich weit, der Opener/Titelsong ist da nur vordergründig ein Streunen durchs grüne englische Land, dieser Song greift mit schroffer Gitarre, angeschickertem Schlagzeug und zuverlässiger Orgel in den Kosmos aus, es entspinnt sich eine mitreißende Sternenwanderschaft, die mit gedrosseltem Bombast schon mal die Türe weit für dieses Album öffnet. Überhaupt hat es Flynn gut raus, mit der Emphase zu flirten, im Gegensatz zu Mumford&Sons wirft er sich dieser nicht hemmungslos um den Hals. Da verläuft sich der von der Anlage her epochale Refrain von „The Lady Is Risen“ in einem feinen Rinnsal, der große Ausbruch wird kurz vor dem Höhepunkt domestiziert. Und so ist diese Platte ein fein ausbalanciertes Spiel mit den tradierten Basics, welches jedoch auch Platz für Eigenes lässt. Dass Flynn Liebhaber lateinamerikanischer Folk Musik ist, zeigt sich dann im beschwingten „Fol-De-Rol“, welches die Rhythmik einer karibischen Voodoomesse einsetzt, um dem Song Beine zu machen. Aber nicht nur musikalisch begeistert Flynn, seine Texte haben Tiefe und poetische Schönheit, da heißt es in „Murmuration“ zum Beispiel, „I dreamed I flew with the saints last night/ I know them all by wingsize“. Doch Flynn muss nicht immer das Spektakuläre aus seiner Musik heraus kitzeln, der schönste Song dieser Platte ist ein einfaches Wiegenlied für seinen zweijährigen Sohn, „Einstein´s Idea“, in dem er diesem erklärt, wie das mit der Relativitätstheorie so gemeint ist. Dabei kippt Flynn, der ansonsten einen recht robusten Bariton sein eigen nennt, in ein brüchiges Falsett über, fast wirkt es so, als lege er damit seine schützende Rüstung ab, so verletzlich, so intim, „oh my darling“. Flynn ist unheimlich gut darin, mit seinen Songs ganze Landstriche zu skizzieren, in „Tinker´s Trail“ schmeckt man förmlich das salzige Gras und weiß die Küstenlinie treu an seiner Seite, ein wunderbares Panorama. Für das Ende seines Albums hat Flynn dann wenig überraschend die Beschaulichkeit gewählt, Orgel und Gesang dominieren „Time Unremembered“ und es wird die Beschränktheit der menschlichen Wahrnehmung betrauert, „the border of reality/ is the most crowded any place“. Johnny Flynn hat ein Album gemacht, welches das einfache Lied genauso wie das vorsichtige, kompositorische Wagnis zelebriert, eine Platte, reich an Bildern und Eindrücken, welches in seinen Stimmungen von Bedrücktheit zu Euphorie changiert und unheimlich viele Geschmäcker bedient. Dabei hetzt diese Platte jedoch nicht als Auftragserfüller von einer Stelle zur anderen, sondern positioniert sich vielgestaltig in einer fein ausbalancierten, künstlerischen Wahrhaftigkeit.

Info: www.johnny-flynn.com

(Martin Makolies)