JUANA MOLINA: Wed 21

JUANA MOLINA

(Crammed Discs/Indigo) Die Laufbahn der argentinischen Musikerin Juana Molina ist sehr facettenreich verlaufen, schließlich war die 50 Jährige vor ihrer Musikkarriere ein gefeierter Star des lateinamerikanischen Unterhaltungsfernsehens. Doch das ist mittlerweile auch schon 20 Jahre her, Molina bringt mit „Wed 21“ auch schon ihr sechstes Album auf den Markt. Und wo vorher minimalistischer Folk regiert hat, finden wir auf dieser Platte Annäherungen an die Popmusik, die sich jedoch den klassischen Strukturen mit Strophe, Bridge und Refrain verweigert. Molinas Ding ist eher der wandelbare Fluss, die allmähliche Entwicklung eines Songs. Und darin ist sie, das zeigt „Wed 21“ sehr deutlich, eine wahre Könnerin. Die Stücke sind allesamt nicht highlightorientiert, doch der Aufbau, die Entwicklungsstrukturen sind immer spannend angelegt, trotz dahingleitender Songs kommt Langeweile niemals auf. So spielt Molina im eröffnenden „Eras“ mit Begriffen wie Dringlichkeit, die durch eine kernige Gitarre angedeutet wird, aber auch Luftigkeit und Transparenz, dieses Stück wirkt wie die tiefenentspannte Aufwärmübung für einen amtlichen Rocksong, geht diesen Weg aber nicht zu Ende. Der Titelsong legt lädierte Spielautomatensounds über einen fluffigen Rhythmus, Molinas Stimme propagiert dazu aber eine betörende Laissez Faire-Haltung, die den Song immer wieder einfängt und gangbar macht. „Sin Guia, No“ wirkt dagegen wie die Untermalung einer Siesta, es liegt Staub auf den Verandastufen, wobei Molinas Gesang perlend in das Stück hinein tröpfelt. Dies ist eine flüssige Musik für entspannte Muskeln, die zwar einige Spannungsspitzen besitzt, in der Regel aber mit einem gleichmäßigen und folgerichtigen Fluss stimuliert. Die Songs wachsen und gedeihen, laden sich dabei gerne mal schräge, leiernde und eiernde Sounds auf die Schultern, ohne dass sie überfrachtet wirken und gönnen sich ganz selten mal eine dramatische Zuspitzung, der Grundzustand dieses Albums ist aber die genügsame Entspannung. Dabei kommt ein Stück auch schon mal aus der Tiefe empor, wie in „Ay, No Se Ofendan“. Hier wird eine weit ausgelegte Flächigkeit erschaffen, über die der Song auf Zehenspitzen wandelt, das wirkt wie ein kühler Schatten, der sich auf eine mittägliche Sommerphantasie legt, der Rhythmus ist organisch-hölzern und man ist dann doch ganz schön überrascht, wenn der Song sich in ein höheres Tempo hinein begibt. Auch „Bicho Auto“ beweist, dass Molina eine Magierin des spannungsreichen Fließens ist, manchmal scheinen die Songs auch durch urbane Nachtlandschaften zu wuseln mit ungewissem Ziel. In „Las Edades“ dominiert ein Kontrabass das musikalische Setting, der Gesang haucht kühlend über die nackte Haut und der ein oder andere schadhafte Sound koloriert das Stück in seltsamen Farben, eine Wonne, das Ganze. „Wed 21“ ist ein Album, von dem man mitgenommen wird, sagt alle Termine ab und taucht ein in diese gemächlichen Bewegungswunder des inneren Gleichgewichts. Hier findet man neben kauzigen Sounds eine Ausgewogenheit und Zufriedenheit, die einen mühelos über den kalten Winter trägt.

Info: www.juanamolina.com

(Martin Makolies)