SPEEDY ORTIZ: Major Arcana

SPEEDY ORTIZ

(Carpark/ Indigo) Ja, ja, die Schulzeit, glücklich der, der nicht auf das Außenseiterlabel festgelegt wurde und seine Zeit in der Penne möglichst unfallfrei abgesessen hat. Da gibt es aber auch noch die anderen, diejenigen, die immer schief angekuckt wurden, weil sie Aufnäher von komischen Bands am Schulranzen hatten oder in der Schultheatergruppe immer die komischsten Stücke vorgeschlagen haben. All jenen hat Sadie Dupuis, Frontfrau der amerikanischen  Band Speedy Ortiz, ein Denkmal gesetzt und zwar mit hochintelligenten Texten und einer Musik, die wie die Faust aufs Auge zu solchen Nerdszenarien passt. Wir haben es auf „Major Arcana“ mit zutiefst windschiefem Indierock der Neunziger zu tun, man denke an Pavement oder Liz Phair. Hier sind sie, die eiernden und leiernden Gitarren und Melodien, die an und für sich sehr schön geraten sind, an denen aber rumgezerrt und dekonstruiert wird, bis man die Schönheit nur mehr erahnen kann. Da bricht der Refrain von „Pioneer Spine“ wie ein Zacken aus der verrosteten Krone und insgesamt ist der Song schroff wie ein unbehandelter Holzfußboden, bei dem man sich schon mal einen Splitter in den nackten Fuß treibt. Dupuis Gesang ist dabei zwar tendenziell süßlich, doch diese Stimme kann Zähne zeigen und tut dies auch ausgiebig in den aufbrandenden Momenten dieser angeschossenen Songs. In „Casper(1995)“ kann man dann miterleben, wie sich düstere Wolken vors Fenster eines ehedem sonnendurchfluteten Raumes schieben, im Refrain wird alles tiefer gelegt und es entsteht eine geisterhafte Stimmung. An diesen Songs ist zwar kein Gramm Fett, doch sind sie trotzdem sehr gewichtig, auch ein Sack voll Knochen kann einiges wiegen. In „No Below“ kommen die High School-Erinnerungen gebündelt zu Tage, wie es war, den Sommer an Krücken zu verbringen und mit einer gewissen Todessehnsucht unterwegs zu sein. Davon kann eine einfache Gitarrenfigur ein Liedchen singen, das berührt, ist aber niemals rührselig. Es ist auf eine gebrechliche Art sehr schön, wie beispielsweise in „Gary“ der Bass zu Beginn grummelt und wie dann eine Art kindlicher Sing Sang von Dupuis folgt, der aber nichts Nettes zu sagen hat: „I have seen the art/ of my stupid counterpart/ the proportion´s wrong“. Und so schief und unausgeglichen ist auch diese Musik, wirkt dabei aber unheimlich clever und durchdacht. Man fühlt sich übrigens so manches Mal an den Power Pop von Weezer erinnert, doch hat dieser hier schorfige Hände und ein kariöses Lächeln, die Songs sind spröde und unversöhnlich, „why you picked the virgin over me?“. Da bleibt dann nur noch die Flucht in das eigene Ich, auf die anderen ist eh kein Verlass, „I wanna be with somebody/ just like me“.  In diesen Songs schwingt immer etwas Unversöhnliches mit, selbst in den ruhigen, pendelnden Momenten scheint ein Stachel der Unzufriedenheit zu stecken, das führt dann auch dazu, dass dieses Album mit Dekonstruktion und schleichendem Verfall endet, eine Nettigkeit zum Ende würde auch nicht passen, also zerlegt sich „MKVI“ mit einigem Getöse selbst und blutet langsam aus. Schön war sie also für Dupuis nicht, die Zwangszeit in der High School, doch sollte sie glücklich sein über diesen Umstand, umso mehr Material hat sie jetzt für ihre unangepassten, intelligenten Songs.

Info: www.facebook.com/speedyortiz

(Martin Makolies)