VOLCANO CHOIR: Repave

VOLCANO CHOIR

(Jagjaguwar/Cargo) Justin Vernon sorgte unlängst für lange Gesichter, als er verkündete, dass er das Projekt, mit dem er bekannt wurde, für längere Zeit auf Eis legen würde, also kein Bon Iver auf absehbare Zeit mehr. Doch ist dies nur halb so traurig, denn Vernon ist dennoch umtriebig und hat ein zweites Album mit seinem Volcano Choir fertiggestellt, in dem er sehr fruchtbar mit den Post Rock- Extravaganzlern Collections Of Colonies Of Bees zusammenarbeitet. War das erste Werk dieses Kollektivs noch vom losen Experiment geprägt, merkt man bei „Repave“, dass sich eine kompakte, in sich geschlossene Band gefunden hat, der der Sinn eher nach konkreten Songs steht. Und ein Merkmal hat Vernon von Bon Iver auf den Volcano Choir erfolgreich übertragen: wieder changieren die Stücke zwischen emotionalem Furor und einer fragilen Brüchigkeit, dies ist allein schon der Wandelbarkeit von Vernons Stimme geschuldet, die zwischen zärtelndem  Falsett und  tiefem Grummeln hin und her wechselt, je nachdem, was der Song gerade braucht. Musikalische Kontraste und Brüche begleiten dieses Album aber auch, wenn es um die Instrumentierung geht. Da lassen Volcano Choir in „Tiderays“ ein tiefgreifendes Orgelintro vom Stapel, bewusst rau und schroff, nur um dann mit prickelnden Akustikgitarren ein harmonisierendes Antidot bereit zu halten. Vernons Gesang wandelt dabei von der Kopfstimme hinein in tiefere Gefilde und es stellt sich sehr schnell eine bescheidene Dramatik ein, die niemals ins Plakative abdriftet. Bereits zu Beginn entfaltet sich eine facettenreiche Wahrhaftigkeit, die diese Songs so faszinierend vielseitig erscheinen lässt. „Acetate“ verbreitet da die Stimmung eines nächtlichen Parkplatzes, der nur marginal frequentiert wird, bevor der Song in eine weit aushallende, knochige Hymnik überwechselt, die eine in Form gegossene Version von domestizierter Verzweiflung etabliert. Das ist dann auch das höchste Maß an Emphase, das die Band zu erreichen gewillt ist und wenn dieses Stück auch sehr kräftig aufgestellt ist, verletzlich und verwundbar bleibt es dennoch. Die Songs auf „Repave“ führen dabei immer ein dynamisches, lebensnahes Dasein, da will „Comrade“ eigentlich motiviert loswandern, versandet dann aber in einem wundervoll melodischen Zögern, diese Songs hadern, weisen Bruchstellen auf, sind teilweise auch widersprüchlich ausformuliert und genau daraus entsteht eine immerwährende Spannung. Und auch bei „Comrade“ ist besagtes Zögern natürlich nicht das letzte Wort, der Song entrollt sich lebendig sprudelnd wie ein kostbarer Stoff auf dem Schneidertisch um sich dann mit verfremdeten Gesangslinien aus einer allzu eindeutigen Gefühlsumarmung zu lösen. Und es gibt noch mehr Besonderheiten und Wahrheiten, die auf dieser Platte registriert werden wollen, eine davon ist, dass Volcano Choir nicht in letzter Instanz eine richtige Rockband sind, davon kündet zum Beispiel das breit aufgestellte Rhythmusgerüst in „Byegone“. Dazu kommt dann noch ein weitläufig aufbrandender Refrain, der in weiten Hallräumen auf Wanderschaft geht. Sein ruhendes Zentrum findet „Repave“ in „Alaskans“, hier ist alles kompositorische Handeln auf ein maximal konzentriertes Folk Idyll reduziert und Vernons Stimme geistert durch das Stück, wie der Flügelschlag eines ätherischen Fabelwesens. „Dancepack“ liefert dann die Holzfällerhemdenversion  von „Purple Rain“, es ist ja nicht neu, dass Vernon ab und an wie ein folkrockender Prince erscheint. Mit „Almanac“ erlebt „Repave“ dann seinen Abschluss in einem wohl ausbalancierten Gleichgewicht, Vernons Stimme steht nackt in einer warmen aber spartanischen Klangwolke, mit ausgeruhtem Groove stapft der Song irgendwann los, eine unaufgeregte Wanderschaft beschließt dieses Album, wobei dem Song noch einmal ein emotionales Aufbranden gegönnt wird.  Es zeigt sich, dass der Volcano Choir für Justin Vernon mehr als nur ein Nebenprojekt darstellt, in diese Stücke fließt ein kompositorisches Herzblut ein, wie es nur bei höchster künstlerischer Konzentration und Hingabe der Fall ist. Dabei wirkt nichts auf „Repave“ überkandidelt oder aufgeblasen, die Songs haben das genau richtige emotionale Gewicht und es macht einen Heidenspaß, hier auf die Jagd nach fein austarierten Zwischentönen zu gehen.

Info: www.volcanochoir.com

(Martin Makolies)