OF MONTREAL: Lousy With Sylvianbriar

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(Polyvinyl/Cargo) Bei neuen Alben von Of Montreal ist man immer gespannt, was sich Mastermind Kevin Barnes musikalisch mal wieder hat einfallen lassen. Nach Prog Pop beim letzen Mal finden wir auf „Lousy With Sylvianbriar“ psychedelischen Country Rock der Sechziger-Schule. Um dieses Album so richtig genießen zu können, ist ein Faible für die gute alte Zeit sicherlich hilfreich. Und diese Platte weckt Assoziationen, die frühen Rolling Stones, die Elektrifizierung von Dylan, durchaus fühlt man sich auch an die Kinks erinnert. Wichtig dabei ist natürlich, dass bei solchen Reminiszenzen nicht das Gefühl eines bloßen Abklatsches entsteht, doch da kann man bei Of Montreal beruhigt sein, die Songs haben ein eigenständiges Seelenleben und tragen doch recht weit. Da gönnt sich „Fugitive Air“ einen zweiteiligen Aufbau, erst rockt der Song recht unbedarft durch den sonnigen Vormittag um dann in eine ausgeleierte Huldigung an den Hippiegott Lari Fari überzugehen, der Blick wird geweitet, die Grenzen verschwimmen und alles mündet in einem entspannten „Lalala“. Auf einem samtroten Orgelbett macht es sich „Obsidian Currents“ bequem, es knistert hochatmosphärisch und dann wird in einen pudergezuckerten Refrain abgedriftet, der die Schwerkraft aufzuheben scheint. Dabei werden einem unbekannten Adressaten textlich die Leviten gelesen, das stellt dann einen Kontrast zur lieblichen Melodiestruktur dar, „but you´re so lizzardlike/ you don´t feel any passion for anything but yourself“.  Mit „Belle Glade Missionaries“ hat Kevin Barnes sich einen richtig süffigen Rockschunkler ausgedacht, der munter über Stock und Stein wandert. Dabei fällt erneut auf, wie frei die  mäandrierenden Gedankenströme  in diesen Songs unterwegs sind, Psychosen, Schizophrenie und zerebrale Störfälle sind Themen, alles hinter einem drogenvernebelten Schleier. Das führt dazu,  dass diese Songs recht freiheitlich unterwegs sind, sie dürfen auch mal am Wegesrand innehalten oder eine Querfeldeintour durchs Unterholz unternehmen. Die „Sirens Of Your Toxic Spirit“ bleiben dabei in Bodennähe, beladen mit grauen Regenwolken, die in die psychedelische Grundstruktur ein gehöriges Maß an Wehmut injizieren. Im nächtlichen Zwielicht ist dagegen „Colossus“ unterwegs, wobei auf textlicher Ebene eine makabere Familienchronik entrollt wird, „your mother hung herself in a national theatre/ when she was four months pregnant with your sister/ who would have been thirteen years old today“, harter Stoff. Die Musik dazu wirkt mysteriös, verspult und unentschieden, dieser Song schleicht durch die Szenarien der Tragödie, die dominierende Sanftheit scheint ein dunkles Geheimnis zu haben. Aufgekratzt und betont beschwingt ist dagegen „Triumph Of Disintergration“ unterwegs, schluffige Lässigkeit kollabiert in einem krachigen Refrain, der ordentlich durchschüttelt . Das feingliedrige Klavier ist dabei eine dieser Zutaten, die diesem Song ein ganz eigenes Feeling verleihen, die live eingespielten Stücke zeichnen sich ausnahmslos durch eine liebevoll vollmundige Instrumentierung aus und insbesondere das Gleichgewicht zwischen rockiger Dringlichkeit und lockerer Lazyness weiß vollauf zu überzeugen. Besagtes Gleichgewicht manifestiert sich überdeutlich in „She Ain´t Speaking Now“, das seinen verwirbelten Refrain ins Weltall schießt und damit den Kosmos auf den Wüstenboden herunterholt. Der Zwischenteil erinnert dabei an die schnoddrigen Formulierungskünste eines Bob Dylan auf der Höhe von „Highway 61 Revisited“, mitunter nicht die schlechteste Referenz. Und dieser Faden wird auch in „Hegira Emigré“ aufgegriffen, der dominierende Swing scheint direkt von „Maggie´s Farm“ zu kommen, „my baby´s meditating to stop the war/ but I got myself a rifle/ cos I ain´t gonna get walked on anymore“. Kevin Barnes und seine Band erzeugen auf “Lousy With Sylvianbriar” eine hermetische Zeitblase, indem sie akkurat die Manierismen der Psychedelik, der urwüchsigen Rockmusik und des klassischen Americana aufgreifen und daraus einfallsreiche Songs zaubern, die hängen bleiben, hier war viel Inspiration am Werk, so dass eine tiefgreifende Huldigung an eine goldene Musikära entsteht.

Info: www.ofmontreal.net

(Martin Makolies)