RUSSIAN CIRCLES: Memorial

RUSSIAN CIRCLES
(Sargent House/Cargo) Russian Circles waren schon immer diejenigen im Post Rock, die es etwas anders gemacht haben, platten Pathos fand man beispielsweise nie bei Dave Turncrantz, Brian Cook und Mike Sullivan. Bei ihrem letzten Album hatten sich die drei dann tendenziell der Dunkelheit zugewandt, eine Richtung, der sie nun fast schon erbarmungslos folgen. Da bilden „Memoriam“ und das abschließende „Memorial“ eine wehmütige Klammer, die so ziemlich der einzige sentimentale Ort dieser Platte ist. In letzterem Track sorgt Gastsängerin Chelsea Wolfe für geisterhafte Enthebung, ansonsten gibt es freilich keinerlei Gesang auf dieser Platte. Dafür aber jede Menge Schroffheit aus der Kanalisation der menschlichen Seele.  „Defict“ ist ein doomiges Biest, das unmissverständlich klar macht, dass hier der retrospektive Blick zurück ein schonungsloser ist, unbequem, unwirtlich und finster. Wo andere Post Rock- Bands mäandrierende Melodieflusslandschaften kreieren, erschaffen Russian Cirlcles einen Gletscher aus Schwarzeis, der sich zermalmend ins Tal wälzt, die Gitarren graben und sägen, erzeugen eine unheilvolle Wucht, die keinen Platz für ein irgend geartetes Idyll lassen. „1777“ erscheint da etwas sanfter, ja hier gibt es eine gewisse Hymnik, doch existiert diese am Rande eines Abgrunds, den das misanthropische Schlagzeug eindringlich skizziert. In diesem Stück wird die Wucht zwar zurück geschraubt, einen  behaglichen Ort, an dem man sich niederlassen will, findet man auch an dieser Stelle nicht, zu beklemmend und unterkühlt wirkt die Szenerie. Dabei bewegt sich vor allem die Rhythmusgruppe lakonisch durch die Schattenwelten, offenbart dabei zwar ein hohes Maß an Varianz, dennoch hat man das Gefühl, dass die Triebfeder von „Memorial“ runter gekühlter Ingrimm war. „Cheyenne“ ist dann eine konzentrierte Meditation, die sich weigert, die aufkommende Spannung zur Explosion zu bringen, hier hat man theoretisch so etwas wie eine Ruheinsel, indes wirken auch in diesem nächtlichen Wabern die Gitarren bedrohlich und die Stimmung beklemmend. Das folgende „Burial“ gefällt sich darin, seine Rhythmus- und Melodiefiguren in einen brodelnden Kessel zu gießen, hier entsteht eine Legierung von dunkelster Konsistenz, kein Licht, nur nihilistisches Riffing, das sich seinen Weg durch das verbrannte Erdreich gräbt. Das ist noch nicht einmal besonders brutal oder extrem, allein, die weltabgewandte Nüchternheit beeindruckt doch sehr stark.  Vereinzelte Lichtsplitter glühen in „Ethel“ auf, das am ehesten so etwas wie Positivität ausstrahlt, doch fällt dies nur im Kontext der trostlosen Umgebung auf, ein bisschen Zuversicht und Hoffnung ist hier bereits eine ganze Menge. „Memorial“ ist die schwarze Platte von Russian Circles, die Finsternis behält letztendlich immer die Deutungshoheit über die Stücke, welche sich in der Regel abmilderndes Sentiment versagen und in ihrer abweisenden Schroffheit eine ganz eigene Dynamik entwickeln abseits des Zwangs zur großen Emphase.
(Martin Makolies)